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Peter Handke

Foto: AP /Petar Pavlovic
Paris - Im Streit um die Absetzung eines Stücks des österreichischen Schriftstellers Peter Handke in Paris wegen dessen Nähe zum jugoslawischen Führer Slobodan Milosevic haben am Mittwoch 150 Persönlichkeiten der Comédie-Française den Rücken gestärkt. Der chinesische Literatur-Nobelpreisträger Gao Xingjian, die Regisseurin Ariane Mnouchkine, der frühere Direktor des Festivals von Avignon Bernard Faivre d'Arcier und andere bescheinigten mit dem Dramaturgen Olivier Py der Pariser Bühne das Recht, Handkes Stück nicht zu spielen.

Man könne es ablehnen, "mit einem Manne zu arbeiten, der den serbischen Nationalismus entschuldigt", erklärte Py. Man schütze die Ehre der Institution, indem man "eine Komplizenschaft mit einem so bereitwillig schuldigen Manne" vermeide.

Die Comédie-Française hatte kürzlich Handkes Stück "Spiel vom Fragen" vom Spielplan 2007 genommen, weil der Schriftsteller beim Begräbnis Milosevics im März eine Rede gehalten hatte. Mehrere Künstler hatten dies als Zensur gegeißelt.

Anders bzw. überhaupt sprechen

Handke fordert nach der Absetzung seines Stücks einen neuen Diskurs über Jugoslawien. Nach zehn Jahren einseitiger Berichterstattung scheine es in den Medien endlich eine Öffnung dafür zu geben, um anders bzw. überhaupt über das Thema zu sprechen, meint Handke in einem Artikel, den die französische Tageszeitung "Liberation" in ihrer Mittwoch-Ausgabe unter dem Titel "Reden wir doch über Jugoslawien" veröffentlicht hat.

"Hören wir uns endlich gegenseitig zu, statt in zwei feindlichen Lagern zu brüllen", fordert Handke. Er kritisiert sämtliche Parallelen, die zwischen dem Jugoslawien-Krieg und historischen oder literarischen Figuren oder Ereignissen gezogen würden. "Bleiben wir bei den Fakten, wie dem Bürgerkrieg, den ein unaufrichtiges oder zumindest ignorantes Europa ausgelöst oder zumindest mitproduziert hat. (...) Hören wir auf, Slobodan Milosevic mit Hitler zu vergleichen. Hören wir auf, ihn und seine Frau Mira Markovic mit Macbeth und seiner Lady zu vergleichen oder mit Ceausescu und seiner Frau Elena. Und verwenden wir nie wieder den Begriff 'Konzentrationslager' für die Lager, die während des Jugoslawienkriegs eingerichtet wurden."

Kritik an automatischer Verbindung

Handke kritisiert die automatische Verbindung von Kriegsverbrechen mit serbischen Tätern. Es habe zwischen 1992 und 1995 in Jugoslawien nicht nur serbische, sondern auch kroatische und moslemische Lager gegeben, in denen Verbrechen begangen worden seien, schreibt er. In den drei Jahren vor dem serbischen Massaker in der moslemischen Enklave Srebrenica im Juli 1995 hätten in den umliegenden serbischen Dörfern wiederholt auch, angeführt vom Oberbefehlshaber von Srebrenica, moslemische Massaker stattgefunden, die zu diesem "größten Töten seit dem Zweiten Weltkrieg" in Srebrenica geführt hätten. Dieses sei eine "infernalische Rache" und "ewige Schande für die serbischen Verantwortlichen". Die moslemischen Männer und Soldaten, die aus Srebrenica ins feindliche Serbien geflüchtet seien, seien dort allerdings gerettet worden.

Handke erinnert insbesondere an das von Moslems verübte Massaker im serbischen Dorf Kravica zum Zeitpunkt der orthodoxen Weihnachtsfeier 1992/93 und spricht angesichts der ermordeten Frauen und Kinder von "Genozid". Auch die Mehrheit der in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo getöteten französischen Blauhelme seien nicht von Serben, sondern von Moslems erschossen worden, und in Sarajevo habe es nicht nur eine serbische Belagerung gegeben, es seien auch Zehntausende Serben von Moslems belagert worden.

Trotz "tiefster Missbilligung"

"Libération" habe sich angesichts der Kontroverse rund um Handke dazu entschlossen, seinen Artikel, der die Diskussion von seiner Person weg auf die Verbrechen Milosevics lenke, trotz "tiefster Missbilligung" abzudrucken, heißt es in einem Kommentar der Zeitung. "Milosevic bleibt der Mann, der den Krieg wieder nach Europa gebracht hat, um mit Massakern und ethnischen Säuberungen auf den Trümmern Jugoslawiens ein größtmögliches Serbien aufzubauen." Handke versuche davon zu überzeugen, dass es nicht nur im serbischen Lager Monster gegeben habe. Als Beispiel bezeichne er das Massaker an einigen Dutzend serbischen Zivilisten in Kravica als Genozid. Handkes Argumentation sei zumindest "trügerisch": "Rechtfertigt die Tatsache, dass es mehrere Monster gegeben hat, dass man zum Begräbnis des größten geht?"

Handkes Teilnahme am Begräbnis von Milosevic war der Grund, warum der Verwaltungschef der Comédie Francaise vor zwei Wochen sein Stück "Voyage au pays sonore ou l'art de la question" ("Das Spiel vom Fragen oder Die Reise ins sonore Land") vom Spielplan für 2007 genommen hatte. (APA/dpa)