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Das Traumpaar des Schöngesangs, Rolando Villazón und Anna Netrebko, als Roméo et Juliette an der Staatsoper

Foto: APA/ STAATSOPER / AXEL ZEININGER
Anna Netrebko und Rolando Villazón als Titelpaar in Gounods "Roméo et Juliette" sorgten am Mittwoch in der Staatsoper für die erwarteten Beifallsexzesse für eine außerordentliche Vorstellung.


Wien – Anlässlich der Wiener Erstaufführung wurde Charles Gounods "Roméo et Juliette" in den Presseberichten "Flüsteroper" bezeichnet, in der es – auch nach Meinung von Eduard Hanslick – für die Sänger geradezu unmöglich sei, stimmlich wirklich loszulegen, denn "der Sänger würde vor jedem seiner eigenen allzu lauten Töne erschrecken".

Wäre der selige Kollege am Mittwoch in der Staatsoper gesessen, hätte ihn vielleicht überhaupt der Schlag getroffen, oder er hätte sein ursprüngliches Urteil grundlegend revidieren müssen.

Hört man nämlich Anna Netrebko zu, wie sie gleich im ersten Akt ihre Ariette hinausschmettert, könnte man die Staatsoper für nichts weiter als das hallige Badezimmer dieser jugendlichen Großmeisterin eines bewundernswert nuancenreichen Lautgesanges halten. Und man könnte bei der Vorstellung ins Schwärmen kommen, wie herrlich das alles in einem Raum klingen müsste, dessen Dimensionen der schier unversiegbaren, mit höchster Präzision wirkenden Kraft und der gestalterischen Allmacht ihrer Stimme auch tatsächlich angemessen sind.

Unauffällig auffällig

Auch die schönste Stimme macht noch keine Diva. Anna Netrebko ist auch eine Virtuosin der Darstellung. Nach zwei Probentagen hat sie alles, was sie in Jürgen Flimms showmasterlichen Inszenierung zu vollbringen hat, vollkommen intus. Und wenn sie sich ins szenische Geschehen auch noch so einfügt, so fällt sie trotzdem auf.

Keine legt sich so perfekt zum Sterben hin, keine schmachtet so glaubwürdig, keine schmiegt sich so schlangengleich an ihren Romeo. Kein Zweifel, Anna Netrebko ist eine große Dar- (und wohl auch) Schaustellerin, der sich nicht nur das Wiener Publikum mit guten Gründen jubelnd zu Füßen wirft.

Und ihr Roméo, Rolando Villazón, ist ein großer Künstler. Er spielt nicht, er ist. Nicht er beherrscht seine Partie, sondern diese beherrscht ihn. Sein Roméo verbreitet die atemberaubende Intensität der aus sich selbst aussteigenden Verzückung.

In Rolando Villazón verbindet sich die an Neil Shicoffs Roméo-Realisierung so geschätzte manische Gehetztheit mit romanischer Belcanto-Schönheit. Und dies sogar dann, wenn Villazón – wie am vergangenen Mittwoch – nicht eben seinen besten Abend hatte. Durch ihn erhielt dieser in Inszenierung und Design als Lichtshow angelegte Abend seine unmittelbar berührenden Augenblicke. (Wer ihn als Roméo verpasst hat, kann ihn am 2. Juni gratis beim "Konzert für Europa" im Schönbrunner Schlosspark hören.)

Imponierendes Niveau

Zum imponierenden Gesamtniveau dieser Vorstellung lieferte das Staatsopernorchester unter Bertrand de Billy vor allem das nötige Harmonieparfum in allen Duftklassen nebst einem vernudelten Streicherfugato im Vorspiel.

Aus dem insgesamt stimmigen Solistenensemble sollte Michaela Selingers erfreulich überzeugend geglücktes Debüt als Stéphano im Glückstaumel über den Starglanz nicht unerwähnt bleiben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)