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Kurze Momente der glücklichen Zweisamkeit: Malena Ernman (als Dido) und Christopher Maltman (als Aeneas) im Wiener Museumsquartier.

Foto: APA/Trierenberg
Wien - Es ist wohl der kürzeste Opernweg in den Tod, den die Musiktheaterliteratur anzubieten hat: Kein Stündchen braucht Henry Purcell in Dido and Aeneas, um die Geschichte von Verliebtheit, ausgelebtem Glück und Ende der armen Dido zu erzählen. Und auch Regisseurin Deborah Warner hält es nicht für erforderlich, den zeitlichen Rahmen zu sprengen - wie ein kostbarer archäologischer Fund wird das Stück angefasst; mehr erzählend als deutend wird hinter die Gefühlsfassade der Figuren geblickt.

So ist es ein familienfreundlicher, kurzer Abend geworden, an dem - wie man an den Epochen mixenden Kostümen von Chloé Obolensky (auch Bühnenbild) sehen kann - die Zeitlosigkeit der Geschichte betont wird. Zauberin bleibt Zauberin. Und galante Höflinge haben doch viel Zeit, ihren Gefühlshobbys nachzugehen, als kämen sie teils geradewegs aus dem 17. Jahrhundert.

Sicher: Arbeiter befassen sich schon vor Beginn mit dem Festzurren von Segeln, Kinder tollen herum (wohl ein Verweis auf die Vermutung, das Werk sei einst in einem Mädchenpensionat uraufgeführt worden), übernehmen die eine oder andere Tanzeinlage auf der offenen Bühne, die mit zwei Bäumchen und herabschwebenden Blättern für Stimmung sorgt.

Eigentlich gilt Warners Sympathie jedoch der sorgfältigen Durchinszenierung der Beziehungen, deren präzise gestische Ausformung ein elegantes, zierliches Kammerspiel der Gefühle entstehen lässt. So herrscht eine Idylle, die nur kurz, aber folgenreich durch die "andere" Welt getrübt wird - durch jenes Wesen, dessen Vergnügen aus dem Elend anderer erwächst.

Im Museumsquartier ist es ein richtiges "Bühnentier", das den Untergang des Pärchens Dido und Aeneas derb-herrisch inszeniert. Hilary Summers (als Zauberin) wirkt in ihrer deftigen Präsenz ein bisschen wie Hella von Sinnen, die deutsche TV-Spaßkanone. Sie liefert mit ihren beiden Hexen (passabel: Céline Ricci und Ana Quintans) eine schrille Performance ab und damit einen starken Kontrast zu den Liebenden und deren Umfeld. Wirkt der stimmlich tadellose Christopher Maltman (als Aeneas) vergleichsweise etwas steif, ist Malena Ernman (als Dido) nicht nur ob ihrer klaren, vibratolos, aber auch in den Höhen delikat im Dienste des Leisen agierenden Stimme das Zentrum des Geschehens.

Ihr spielerischer, filigraner Umgang mit den zu gestaltenden Situationen liefert jederzeit den Beleg für die Präzision der Arbeit von Warner, die sich schon im Prolog (Fiona Shaw) angedeutet hatte. Und da sich Dirigent William Christie, Chor und Orchester präzis und mit einer elastischen, ins Lyrische tendierenden Art der Phrasierung in die Produktion einbrachten. Da sie andererseits auch durch bewusst heftige Glissandi und sonstige Gestaltungsakzente vermittelten, dass auch im Sinne der szenischen Erfordernisse musikalisch mitgedacht wurde, kann die erste Opernproduktion der Festwochen nur als eine in sich stimmige Musiktheatersache bezeichnet werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.5.2006)