"Es ist essentiell, dass Europa Lateinamerika sehr nahe ist, damit wir gemeinsam wachsen können", meint Mexikos Präsident Vicente Fox.

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STANDARD: Wie schätzen Sie das Ergebnis des Wiener EU- Lateinamerikagipfels ein?

Vicente Fox: Das Ergebnis ist überraschend gut, es gab 400 bilaterale Treffen, stellen Sie sich dieses Ausmaß an Dialog vor. Es gab viel Gelegenheit, einander kennen zu lernen, weil es viele neue Präsidenten und Premierminister gibt. Wir haben die strategischen Linien für die weitere Entwicklung skizziert, zum Beispiel im Bereich der Integration. Es ist unverzichtbar, dass sich Lateinamerika stärker integriert und mit einer Stimme spricht, auch gegenüber einem Gesprächspartner, der uns gegenüber so geschlossen auftritt wie die EU.

STANDARD: Offensichtlich gab es unter den lateinamerikanischen Präsidenten da auch andere Meinungen. Eine Integration, wie sie Ihnen vorschwebt, kann es aber doch nur geben, wenn alle dafür sind?

Fox: Sicherlich trägt der mögliche oder wirkliche Rückzug von Venezuela aus der Andengemeinschaft nicht zum Fortschritt der Integration bei, auch nicht die Drohung, das gleiche mit G3 (ein derzeit kaum aktives Bündnis von Kolumbien, Mexiko und Venezuela, Anm. d. Red.) zu tun. Ich glaube nicht, dass das der bolivarische Traum ist.

Der bolivarische Traum besteht darin, die Integration weiter zu bringen und nicht sie zu stoppen. Die Botschaft ist klar, zumindest jene Mexikos, wir wünschen uns, dass sich der Mercosur und die Andengemeinschaft konsolidieren. Mexiko hat großes Interesse daran, derzeit sind wir dort Beobachter, aber wir wollen uns ganz integrieren, und das wollen auch Uruguay, Chile, Peru und Kolumbien.

Eine andere Möglichkeit, die Integration zu stärken, wäre es, wenn die EU ihre Verhandlungen mit den verschiedenen Blöcken beschleunigte - mit dem Mercosur, mit der Andengemeinschaft, mit Zentralamerika. Das würde sehr helfen, diese Blöcke zu konsolidieren. Was wir am Ende auf dem amerikanischen Kontinent brauchen, ist ein globales Übereinkommen, einschließlich der USA und von Kanada. Auf dem amerikanischen Kontinent könnte nichts Besseres passieren, als sich zu einigen, sich als Block darzustellen und auf diese Art sehr wettbewerbsfähig zu sein.

STANDARD: Soeben hat ein Gespräch zum bilateralen Handelsvertrag Mexikos mit der EU stattgefunden. Was war das Ergebnis?

Fox: Wir haben im Gespräch mit der Kommission und dem Ratspräsidenten festgestellt, dass die Beziehungen Mexikos mit der EU gar nicht besser sein könnten. Der Freihandelsvertrag liefert außergewöhnlich gute Ergebnisse. Es gibt Jahr für Jahr konstant zweistellige Wachstumsraten. Unsere Herausforderung ist es, das gleiche mit den neuen EU-Mitgliedstaaten erreichen, mit den kleinen Staaten.

Wir haben darüber gesprochen, wie man Anreize finden kann, um so starke Beziehungen, wie wir sie z. B. mit Italien, Frankreich, Deutschland und England haben, auch mit Ländern wie Tschechien, Polen, Rumänien, Litauen, Estland, Schweden erreichen. Wir werden dafür einen speziellen Plan entwickeln.

Neben den sehr guten wirtschaftlichen gibt es auch sehr gute politische Beziehungen mit der EU. Im Bereich der Werte verstehen wir uns wunderbar. Wir wollen im gleichen Tempo weiter machen.

Wir verstehen, dass sich die EU um die Newcomer kümmern muss, um die neuen Staaten, um dort den Lebensstandard anzuheben. Wir glauben aber, dass Europa auch die Fähigkeit hat, sich stärker um seine Beziehungen mit Lateinamerika zu kümmern. Wir wünschen uns viel mehr Investitionen, wir wollen für Lateinamerika viel mehr Zugang zu den europäischen Märkten. Es ist essentiell, dass Europa Lateinamerika sehr nahe ist, damit wir gemeinsam wachsen können.

STANDARD: Sie haben zum Schluss auch ein Gespräch mit Boliviens Präsidenten Evo Morales geführt. Worum ist es da gegangen?

Fox: Es war eine gute Gelegenheit, die Gedankenwelt des Präsidenten Morales kennen zu lernen. Wir haben über das Thema Energie gesprochen, über Erdgas. Ich habe ihm das mittelamerikanische Gasprojekt erklärt, das zwischen Mexiko und den zentralamerikanischen Staaten besteht und in dessen Rahmen wir ein großes Gas- und ein großes Waserkraftwerk bauen wollen. Bolivien ist eingeladen, daran teilzunehmen. Das hat den Präsidenten sehr interessiert, er wird das evaluieren.

Schließlich habe ich Präsident Morales die Sozialprogramme Mexikos erklärt, Maßnahmen gegen Armut, Stipendien, Gesundheitsversicherung für die Bevölkerung, und das Programm, in allen Schulen Computer zu installieren. Speziell in Schulen der Indigenas und überhaupt auf dem Land soll das geschehen, die Computer sollen mit dem Internet verbunden und die Schreibprogramme in indigenen Sprachen sein. Das hat in sehr interessiert, wir werden da einen Austausch organisieren.

Danach haben wir vor der Bedeutung dessen gesprochen, eine erfolgreiche Wirtschaft zu haben. Eine Wirtschaft mit vielen Investitionen, die Arbeitsplätze schaffen, und Reichtum, damit soziale Aufgaben, die Reduktion der Armut, finanziert werden können.

STANDARD: Ein großer Teil der Wähler scheint in den Staaten Lateinamerikas der Meinung zu sein, dass in einer freien Marktwirtschaft die Armut nicht weniger wird. Es gewinnen Kandidaten, die für Nationalisierungen eintreten. Auch in Mexiko könnte bei den kommenden Wahlen ein Präsident gewählt werden, der nicht zur freien Marktwirtschaft steht.

Fox: Ich spreche von meinem Fall, von Mexiko. Es ist meine völlige Überzeugung, dass man eine Marktwirtschaft braucht, Budgetdisziplin, freien und gerechten Handel, dass man in die Erziehung investieren und die Armut bekämpfen muss und dass das der beste Weg der Entwicklung ist. In Mexiko erleben wir das. Deshalb verteidige ich diese Prinzipien und Werte. Aber jedes Volks soll die Regierung wählen, die es haben will und die es verdient. Ich respektiere die Souveränität jeder Nation vollkommen, jeder möge seinen Weg der Entwicklung finden, entsprechende den eigenen Interessen.

Ich kann nur berichten, was in Mexiko gut funktioniert hat, ich verteidige die These der Entwicklung, die in unserem Land erfolgreich war. Und ich propagiere passioniert das Modell der Integration, der regionalen und auch der bilateralen Freihandelsverträge. Niemand kann und darf sich isolieren, das funktioniert nicht in der globalisierten Welt.

Alle Beispiele für wirtschaftlichen Erfolg gründen sich auf Öffnung für den internationalen Handel. Der Erfolg Chinas beruht auf dem internationalen Handel, auf der Öffnung seiner Wirtschaft, deshalb kommen so viele Investitionen. Die Erfolgsbeispiele Asiens, Europas und Amerikas basieren auf diesem Modell. Deshalb braucht man keine neuen Modelle zu erfinden. Man sollte mit Disziplin an einem Modell arbeiten, das funktioniert: das ist die Marktwirtschaft, mit sozialer Verantwortung, mit menschlichem Antlitz. Ich spreche nicht für den Neoliberalimus, für den Kapitalismus per se, sondern für eine Wirtschaft mit menschlichem Antlitz, mit einer starken Verpflichtung zum Sozialen, der Entwicklung des menschlichen Kapitals. Und wir müssen darin beständig sein, damit es dann auch Erfolge zeitigt.

STANDARD: Sie haben hier in Wien die neuen populistischen Strömungen heftig kritisiert.

Fox: So ist es. Der Populismus bedeute für die Armen nichts Gutes. Die Ausweitung der Budgets für Hilfsprogramme und Paternalismus, auf der Suche nach persönlichem Imagegewinn, be de uteten nichts Gutes für die Völker, noch weniger für die Armen. Ich glaube, dass die Regierungen verantwortungsbewusst sein müssen. Es geht um Budgetdisziplin und um die Reduktion des Defizits. In- und ausländische Investoren sollen eingeladen werden, um mit ihren Investitionen Arbeitsplätze zu schaffen. Die staatlichen Einnahmen sollen dann für Erziehung und Gesundheit ausgeben werden.

STANDARD: Eine letzte Frage - Österreichs Nationalratspräsident Andreas Khol hat nach einem Treffen mit Ihnen ankündigt, in der Frage der Federkrone im Völkerkundemuseum, für Mexikaner der "Penacho" von Montezuma, könnte es schon bald eine Lösung geben. Glauben sie das auch?

Fox: Man hat uns das so gesagt. Es macht mich als Mexikaner äußerst stolz, dass Stücke unsere alten Geschichte, unserer alten Kultur, hier in Österreich vorhanden sind, oder in der Eremitage in St. Petersburg, im New Yorker Metropolitan Museum, oder sonst wo. Das ist Teil einer kulturellen Globalisierung. Wenn alle Werke in Mexiko eingeschlossen wären, hätten nur die Mexikaner etwas davon.

Wenn dieser Penacho eine Zeitlang in Mexiko zu sehen wäre, wäre das außerordentlich. So machen wir das auch mit den Stücken aus der Azteken- und der Maya-Zeit. Wir haben es geschafft, die schönsten archäologischen Funde in einer einzigen Ausstellung zusammen zu bringen und wir haben diese auf der ganzen Welt gezeigt. Glücklicherweise haben uns die Eremitage, das Metropolitan Museum und der Louvre Stücke geliehen. Wir haben sie dann mit ernormen Erfolg in verschieden Städten gezeigt.

Ich habe hier in Wien die Musik Mozarts gehört, im Orchester spielten Asiaten und Latinos. Ich habe den weltbesten Opernsänger gehört, der jetzt ein Mexikaner ist, Rolando Villazon. Wie stolz es macht, dass er hier in Europa ist. Als wir einander begrüßten, habe ich ihm gesagt, dass wir ihn nach Mexiko einladen werden, damit er auch vor Mexikanern singen kann, und er wir das gern tun. Man muss die Dinge teilen. (Langfassung des Interviews erschienen in DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2006)