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Harold Varmus (Archivbild 1998)

Foto: APA/EPA/AFP/Luke Frazza
Wien - Die "Zukunft in der Krebsforschung" liege in der Zusammenarbeit der beiden Bereiche Grundlagenforschung und Kliniken, erklärte Medizin-Nobelpreisträger (1989) und Leiter des weltbekannten Memorial Sloan-Kettering Cancer Center (New York), Harold Varmus, in einem Gespräch mit der APA in Wien. Trotz aller Fortschritte: Bis zum Sieg über Krebs wird es laut dem Wissenschafter noch lange dauern.

Varmus hält sich derzeit in Wien anlässlich einer speziellen Lehrveranstaltung des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) auf (ein Vortrag zum Thema "Onkogen-Abhängigkeit bei Krebs von Mäusen und Menschen" in Memoriam der verstorbenen IMP-Wissenschafterin Laura Stingl). Varmus erhielt den Nobelpreis gemeinsam mit seinem US-Kollegen Michael Bishop für Forschungen auf dem Gebiet der so genannten retroviralen Onkogene (Krebsgene) und leitete zwischen 1993 und 1996 die größte medizinische Forschungseinrichtung der Welt: die nationalen US-Gesundheitsinstitute (NIH).

Ein "besseres Verständnis"

"Derzeit kommen in der Krebsforschung die Grundlagenforscher mit den Klinikern zusammen. Das führt einfach zu einem besseren Verständnis, was alles zu Krebs gehört. Das ist unerhört wichtig", sagte der Wissenschafter.

Die moderne Medizin auf molekularer Ebene beginnt immer besser die Feinheiten der Krebsentstehung zu verstehen. Varmus: "Es wäre doch interessant zu verstehen, wie normale, 'glückliche' Zellen plötzlich die Aktivität von Onkogenen (Krebsgenen, Anm.) bekommen. Sie werden dann als bösartige Zellen richtig gehend abhängig von diesen Genen. Schaltet man sie aus, sterben die Krebszellen sogar ab, Tumore verschwinden."

Strategien

Mutationen im so genannten ras-Gen oder in den Genen von Enzymen (Tyorosin-Kinasen) beziehungsweise den Erbanlagen für die Rezeptoren von Wachstumsfaktoren (zum Beispiel Epidermal Growth Factor - EGFR) sind Beispiele dafür. Varmus: "Hier gibt es bereits Medikamente, die auf diesen Erkenntnissen basieren." Mit Substanzen wie Tarceva oder Iressa (nur in bedingten Fällen hoch wirksam) lässt sich derzeit schon dieses Konzept verwirklichen. Ein anderes Beispiel ist das Medikament "Glivec", das eine Revolution in der Behandlung einer bestimmten Form der Leukämie bei Erwachsenen mit sich gebracht hat.

Offene Fragen

Doch trotz erster Erfolge ist der Großteil der Fragen in Sachen Krebs auch heute noch offen. Der Medizin-Nobelpreisträger: "Das ist auch der Grund, warum wir in den USA das Krebs-Gen-Projekt ins Leben gerufen haben. Man kennt ja bereits 400 bis 500 Gene, die in der Entstehung bösartiger Erkrankungen durch Mutationen eine Rolle spielen könnten oder vermutet das. Wir rechnen, dass wir für die wichtigsten Krebsarten nur rund 1.000 Gene mit ihren Mutationen sequenzieren müssen, um das notwendige Wissen zu erhalten."

Wichtig wären aber auch bessere Diagnostika auf der Basis der modernen molekularbiologischen Erkenntnisse. "Das unangenehmste wäre es, dass wir bei Patienten im Blut Marker finden, die sagen, dass da ein Krebs ist - aber wir wissen nicht, wo der Tumor ist. Andererseits macht es sicher einen Unterschied, ob wir eine Million oder viele Milliarden Krebszellen bekämpfen müssen."

Ein weiter Weg ...

Varmus, auch Streiter für den den freien Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen weltweit und ohne Hürden, glaubt jedenfalls an die Früchte der Zusammenarbeit der Grundlagenforscher mit den behandelnden Ärzten: "Als ich als Wissenschafter auf den Abteilungen auftauchte, um zum Beispiel Gewebeproben zu bekommen, war das frustrierend. Die wollten von mir nichts wissen. Anders herum war es wahrscheinlich auch so. Aber das ändert sich jetzt."

Trotzdem steht der schon so oft angekündigte Sieg über die Krebserkrankungen noch aus. Varmus: "Darauf werden wir noch lange warten müssen. Wir wissen einfach noch immer zu wenig." (APA)