Wien - Es war ein musikalischer Protest gegen die Sinnlosigkeit des Zweiten Weltkrieges, den Benjamin Britten vor 45 Jahren zu Papier brachte. Ein Protest, der "moderner" nicht sein könnte. Unentrinnbar vermittelten Simone Young und das RSO Wien die beklemmende Wucht der existenziellen Stimmungen, die sich in den Gedichten von Wilfred Owen, die Britten dem traditionellen Requiemtext hinzugefügt hat, verdichteten.

Präzise organisierte die australische Dirigentin die Balance zwischen Orchester und Chor (exzellent die Wiener Singakademie, der Kammerchor der Slowakischen Philharmonie sowie die Wiener Sängerknaben) zur fein differenzierten Botschaft: Schneidend kündete etwa die Trompete vom Fluch der Kanone, mühelos konnte sich aber auch ein filigranes Flötengeflecht mitten im orchestralen Aufruhr Gehör verschaffen.

Sicher hatte Young Brittens delikate Tempo- und Rhythmuswechsel in der Hand, schichtete das Gesamtgefüge immer wieder zur großen Klangarchitektur, in der die Solisten viel Gestaltungsraum hatten. Ricarda Merbeths Sopran strahlte makellos von der Orgelempore, Bo Skovhus stellte seine kraftvolle Bühnenpräsenz unter Beweis. Tenor John Mark Ainsley kämpfte zwar mit Intonationstrübungen, doch bestach er mit der Ausdrucksstärke seiner vibratoarm geführten Stimme.

Jubel auch bei Verdis "Requiem" im Musikverein. Mit ganzem Einsatz und ungewöhnlich leidenschaftlich führte Fabio Luisi die Symphoniker und den Wiener Singverein durch Verdis Angst- und Hoffnungsvisionen angesichts des Jüngsten Gerichts. Aufmerksam und bereitwillig ließ sich das Orchester von der Hingabe seines Chefs animieren, kleine Unebenheiten - etwa im Blech - wurden sofort behoben, auffallend der strahlende, homogene Streicherklang. Der Riesenchor, von Johannes Prinz wortdeutlich einstudiert, sang den Solisten mit gutem Beispiel voran. Besonders Francesco Ellero D'Artegna raubte seinem klangvollen aber teils nasalen und unbeweglichen Bass viel an Deutlichkeit. Wookyung Kim (Tenor) meisterte im Forte jede Höhe mühelos, im Piano fehlte aber Tragfähigkeit.

Die Damen (Iano Tamar, Sopran, Doris Soffel, Mezzo) ließen am Potenzial ihrer Stimmen keinerlei Zweifel, kippten aber in den tieferen Registern einige Male aus der gut geführten Stimmkultur. Den vielschichtig ausgeloteten Emotionen der Gottesvorstellung konnten die kleinen Mängel des Menschlichen aber nichts anhaben. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2006)