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Trauer und Fassungslosigkeit in einem Spiel fataler Zufälle, die System haben: Brad Pitt in Alejandro González Inarritus epischem Globalisierungsdrama "Babel".

Foto: Reuters/Summit Entertainment
Am Ende hießen die haushohen Publikumsfavoriten Pedro Almodóvar (Volver) oder Alejandro González Inárritu (Babel). Die endgültige Entscheidung (die bei Redaktionsschluss noch ausstand) hingegen - sie dürfte für die Jury der 59. Filmfestspiele in Cannes, unter dem Vorsitz von Wong Kar Wai, durchaus diffizil gewesen sein:

Sollte man mit Almodóvar, dem längst eine Goldene Palme gebührte, quasi das Lebenswerk eines Ausnahmekünstlers mitwürdigen - und davon absehen, dass der Spanier mit seiner Tragikomödie rund um ein Ensemble von Lebenskünstlerinnen eigentlich gar nicht in einen Wettbewerb passte, der durchwegs politische Brisanz behauptete? Oder trug man dieser Brisanz Rechnung und honorierte mit Inárritus Babel eine episodische Erzählweise, die seit Paul Thomas Andersons Magnolia und dem Oscar für Paul Haggis' L.A. Crash schwer angesagt ist?

Wieder einmal lässt hier Gott Zufall die Würfel fallen oder, je nach Belieben, individuelle Kartenhäuser ineinanderstürzen: Da lässt, wie sich im Rahmen eines reichlich verzweigten Plots langsam herausstellt, ein japanischer Geschäftsmann sein Jagdgewehr in Marokko zurück. Und das Gewehr zerstört beinahe oder ganz das Leben einer Hirtenfamilie, einer mexikanischen Babysitterin in Kalifornien und eines amerikanischen Ehepaars. Ob eine taubstumme Göre in Tokio den Selbstmord ihrer Mutter verarbeitet oder ob in einem Kaff in Nordafrika Touristen unter Terrorangst leiden: In Babel passt all das in ein derzeit sehr beliebtes Schema. Alles ist mit allem vernetzt; darüber wird der Einzelne sehr einsam; nur die Amerikaner sind ein bisschen gleicher als die anderen.

In diesem Fall werden sie verkörpert von Brad Pitt und Cate Blanchett. Und dass diese Stars im Film zwar einerseits gar nicht oft genug betonen, wie läppisch ihre Vorrangstellung ist, dass sie aber gleichzeitig doch diejenigen sind, die den Film vermarktbar machen - das ist nur ein augenfälliger Hinweis darauf, wie konventionell und bieder Babel letztlich gestrickt ist. Keine der erzählten Geschichten ist profund genug gestaltet, dass sie einen eigenen Film tragen könnte. Es versteckt sich hinter der Allmacht von Gott Zufall vor allem eine gewisse Ohnmacht des Drehbuchautors (Guillermo Arriaga). Und die artikuliert sich bevorzugt mit ganz vielen Rufzeichen.

Hilfe! Endzeit! Der diesjährige Wettbewerb in Cannes war schier übervoll mit drastischen Kriegsszenarios, urbanen Verwahrlosungen, zwischenmenschlicher Tristesse. Ob da jetzt flandrische Soldaten nicht mehr zwischen traurigem Sex im heimatlichen Stall und Vergewaltigungen irgendwo im Orient unterscheiden (Flandres von Bruno Dumont); ob Arbeitslose einen Banküberfall planen (La raison du plus faible von Lucas Belvaux); oder ob sich ein selbst ernannter US-Kultregisseur namens Richard Kelly eher halbwitzig ein verstrahltes Los Angeles 2008 ausdenkt (Southland Tales): Nicht selten fragte man sich schon, warum welcher Film im Wettbewerb gezeigt wurde.

Schlichte Trauer

Nur wenige Palmen-Anwärter agierten kompromisslos wie der finnische Großmeister der kleinen Form, Aki Kaurismäki: Der braucht in Laitakaupungin valot (zu Deutsch: Die Lichter der Vorstadt) knapp 80 Minuten, um das traurige Schicksal eines romantischen Wachmanns (Janne Hyytiäinen) zu erzählen. Von einer bösen Schönheit verraten und verkauft an profitgierige Gangster geht dieser Antiheld einen berückend illusionslosen Weg durch die von Kaurismäki mittlerweile perfekt stilisierten schäbigen Tango- und Opernwelten. Mochte man beim ersten Sehen "Schon wieder!" denken - am Ende dieser Filmfestspiele ist dies eine der wenigen Arbeiten, die wirklich "bleiben".

Bleiben wird auch der vielleicht beste (und darüber hinaus einzige afrikanische) Film des Festivals, der aus unerfindlichen Gründen nicht im Wettbewerb gezeigt wurde: Bamako, ein ganz und gar ungewöhnliches Gerichtsdrama des mauretanischen Regisseurs und Autors Abderrahmane Sissako.

Im Hinterhof eines Hauses in Mali wird da ein Prozess geführt, der so auf absehbare Zeit undenkbar bleiben wird: Angeklagt ist die Weltbank, Afrika in einen unverantwortbaren Würgegriff von Verschuldung und Ausbeutung mit hineingetrieben zu haben. Was sich nun vor dem Betrachter und Zuhörer entfaltet, muss man sich aber weniger wie eine UNO-Debatte als vielmehr wie eine schlichte, oft geradezu märchenhafte Dorfversammlung vorstellen: Einfache Arbeiter, Bauern, Männer und Frauen treten an die Anklagebank und erzählen ihre Sicht auf einen Zustand der Armut und der damit einhergehenden Scham. Die Reden, die dabei scheinbar völlig improvisiert entstehen, sind phasenweise von einer Schönheit und einer Grandezza und Menschlichkeit, die an die ethnologisch motivierten Filmmeisterwerke von Jean Rouch erinnert.

Und dass man als Prominenter durchaus Entwicklungshilfe leisten kann, ohne unbedingt Mehrwert für den eigenen "großen Namen" abzuschöpfen, beweist hier der schwarze Hollywoodstar Danny Glover. Einerseits hat er als Koproduzent Bamako mitfinanziert. Andererseits hat er den Film als Koregisseur und Nebendarsteller um eine denkwürdige, hochkomische Episode bereichert:

Irgendwann schauen die Prozessteilnehmer und Dorfbewohner nämlich fern und sehen einen typischen schwarzafrikanischen TV-Trash: In diesem Fall ist es ein Spaghetti-Western, und in dem schießen einander unter anderen Danny Glover und der palästinensische Regisseur Elia Suleiman über den Haufen.

Jahrhundert-Porträt

Ein weiterer Film, der es nicht in den Wettbewerb, dafür jetzt aber gleich direkt in die französischen Kinos geschafft hat: Zidane - Un portrait du 21e siècle. Diese ganz und gar ungewöhnliche Arbeit der beiden Videokünstler Douglas Gordon und Philippe Parreno nimmt im Prinzip eine Idee auf, die schon einmal rund um den britischen Fußballstar George Best realisiert wurde: Was, wenn man ein ganzes Match hindurch sämtliche Bewegungen und Aktionen eines einzigen Spielers dokumentiert?

In diesem Fall wurden in den mit 80.000 Zuschauern gefüllten Publikumsreihen des Santiago Bernabeu Stadions in Madrid 17 Kameras installiert, die sich alle im Cinemascope-Format auf Zinedine Zidane konzentrierten. Und das ergibt in einer fulminanten Montage geradezu eine filmische, unheroische Skulptur: Angefeuert von abertausenden, beständig unter Beobachtung, letztlich nur auf Können, Glück, Konzentration, Zusammenspiel angewiesen, erscheint Zidane hier als Mitspieler in einem Drama, dessen Regeln er zwar nicht mitgeschrieben hat, die ihm aber nichtsdestotrotz Spielräume und Freiheiten ermöglichen: Eine eigene "Sprache", wenn man so will.

Zidane ist dabei gleichzeitig weit entfernt von riefenstahlschen Körper-Glorifizierungen aus Werbespots. Der Film konstruiert sich keinen Helden, sondern er zeigt gewissermaßen einen Menschen bei der Arbeit, der, wenn er der Helden-Allüre verfiele, längst geliefert wäre. In Zeiten, in denen Sportler oft nur noch als Vorbilder für fetzige Computerspiele gesehen werden, und erst recht im (WM-)Jahr, in dem Zidane seinen Rückzug vom Sport erklärt hat, ist dies wohl tatsächlich ein Jahrhundert-Porträt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 5. 2006)