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Klinsmann muss auf eine Steigerung seiner Elf hoffen.

Foto: Reuters/Fassbender
Leverkusen - Dem deutschen Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann läuft eine Woche vor dem "Tag X" gegen Costa Rica immer mehr die Zeit davon, um auf der Großbaustelle Abwehr wenigstens noch die gravierendsten Mängel zu beheben. Beim ernüchternden 2:2 gegen Japan entging die DFB-Auswahl nur haarscharf einem Stimmungseinbruch im WM-Land. Der Optimismus des Wahl-Amerikaners ist aber ungebrochen, nur die WM zählt für Klinsmann: "Am 9. Juni werden wir sehen, wo wir stehen."

Statt die WM-Elf einzuspielen, wagte "Klinsi" im vorletzten Test in Leverkusen sogar noch einmal neue Experimente: Um nach der Rückkehr von Kapitän Michael Ballack auch dessen Schattenmann Tim Borowski in der Mannschaft zu behalten, beorderte er für den zuvor schwächelnden Arne Friedrich die Notlösung Bernd Schneider nach rechts hinten.

Interne Skepsis

Die extreme Offensiv-Besetzung stieß sogar intern auf Skepsis. "Lehrreich war, dass wir diesen riskanten Spielstil zur Not spielen können", kommentierte Torhüter Jens Lehmann: "Wir sind WM-Gastgeber und irgendwo verpflichtet, auch etwas für die Attraktivität des Spiels zu tun. Aber natürlich steht unter dem Strich der Erfolg."

Borowski und sein Bremer Vereinskollege Torsten Frings fanden als Doppel-Sechser vor der Abwehr nicht zusammen, und Ballack fühlte sich in der ungewohnten Position halbrechts im Mittelfeld unwohl. Weder Abwehr noch Offensive profitierten von den Maßnahmen, es fehlte die Abstimmung. "Wir haben mit einem sehr offensiven Mittelfeld gespielt und die Defensive vernachlässigt", urteilte Ballack. Doch Klinsmann hielt dagegen: "Wir müssen Varianten in der Schublade haben."

Die Null steht nicht

Wenn aber die Torfabrik Klose/Podolski lahmt, wird es eng. Denn in der Defensive steht nicht die Null, sondern Lehmann ist häufig als Torwart und Libero gleichzeitig gefragt. "Wir hätten fünf oder sechs Tore kriegen können", bemerkte DFB-Präsident Theo Zwanziger besorgt. Dass ausgerechnet der in der Bundesliga als "Chancentod" geltende HSV-Stürmer Naohiro Takahara die Schwächen mit seinem Doppelschlag aufdeckte (57./65.), war bezeichnend. Dass nicht mehr anbrannte, war dem überragenden Lehmann zu verdanken. "Jens hat dazu beigetragen, dass wir mit einem Remis davongekommen sind", sagte Klinsmann.

Nur eine intakte Moral trotz schwerer Beine sowie zwei späte Treffer nach Standardsituationen durch Miroslav Klose (76.) und Bastian Schweinsteiger (80.) verhinderten die zweite Heimniederlage in Klinsmanns Amtszeit. "Kompliment an die Mannschaft, wie sie nach dem 0:2 reagiert hat", lobte der 41-Jährige.

Druck gewaltig

Auch wenn für den Bundestrainer allein der 9. Juni zählt, ist der Druck vor der WM-Generalprobe am Freitag in Mönchengladbach gegen die Kolumbianer, die den deutschen Gruppengegner Polen am Dienstag 2:1 besiegten, wieder größer geworden. "Es ist immer wichtig, dass man den letzten Test mit einem positiven Ergebnis abschließt. Würde man mit einer Niederlage ins Turnier gehen, wäre das nicht gut für die Mannschaft", betonte Ballack.

Ballack forderte ein Ende der Experimente und eine echte Generalprobe. "Wichtig wird sein, dass wir jetzt gegen Kolumbien die Formation aufbieten, die dann auch anfangen wird", sagte der Kapitän. Sie steht in Mittelfeld (Schneider, Frings, Ballack, Schweinsteiger) und Angriff (Klose/Podolski), aber auch vor Lehmann sind die Fronten praktisch geklärt: Nach dem verpatzten Länderspiel-Comeback von Jens Nowotny, der nach seiner Einwechslung bei beiden Gegentoren schlechte Figur machte, sind im Zentrum endgültig Mertesacker/Metzelder erste Wahl.

Bittere Niederlage für Polen

Das polnische Fußball-Nationalteam ist von den eigenen Fans mit Hohn und Spott auf die Reise zur WM nach Deutschland geschickt worden. Nach dem blamablen 1:2 im Test gegen eine ersatzgeschwächte Auswahl von Kolumbien in Chorzow machten sich die Zuschauer über das eigene Team lustig und forderten voll Ironie weitere Tore von den Südamerikanern. Derart gedemütigt kam das Team Mittwoch früh in Barsinghausen bei Hannover an, wo das WM-Quartier bezogen wurde.

Mit Häme wurde vor allem Goalie Tomasz Kuszczak bedacht, der eines der ungewöhnlichsten Tore der Fußball-Geschichte kassierte. Nach einem Ausschuss von Kolumbiens Keeper Luis Martinez über fast 100 Meter zog der eingewechselte Kuszczak die bereits gestreckten Hände wieder ein und ließ den Ball über sich ins Netz fliegen.

"Das was sicherlich das kurioseste Tor, das ich in meiner ganzen Karriere durchließ", sagte der Keeper. "Tormänner haben Tage des Ruhms, aber manchmal gibt es auch Momente der Schmach." Sein Gegenüber Martinez, der mit dem Treffer die Tradition von Kolumbiens Kult-Keeper Higuita fortsetzte, jubelte hingegen: "Das ist ein Tor, das um die Welt gehen wird."