Die ehemalige Arbeiterbank Bawag zahlt nun also in Summe an die drei viertel Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten, um ihr amerikanisches Abenteuer zu bewältigen. Sie zahlt Ablass für die Sünden aus der Vergangenheit, für die Verfehlungen der ehemaligen Bankchefs, für das jahrzehntelange Wegschauen des Bankeigentümers ÖGB. Und sie zahlt Ablass, um eine Zukunft zu haben.

Zuletzt hat sich alles darum gedreht, Rechtsfrieden in den USA zu bekommen, um potenziellen Klägern das Klagen abzukaufen. Der Vergleich war schlicht überlebensotwendig für die Bank: Ohne ihn keine Staatsgarantie (die Steuerzahler haften mit 900 Millionen Euro), ohne Garantie keine Bilanz, ohne Bilanz keine Bank.

Und: Der Eigentümer ÖGB - er hat seine Bank bis jetzt völlig vernachlässigt, ihren Chefs jahrelang beim Wirtschaften und beim Chef-Spielen zugesehen, sein einziges Interesse war das Couponschneiden - lässt seine Bank dafür bezahlen, dass er sie verkaufen kann. Denn nur auf Basis dieses Vertrags kann der ÖGB seine Bank nun - zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt zwar, aber immerhin - losschlagen.

Hätten noch Klagen gedroht, wäre keiner an Österreichs viertgrößter Bank, deren wesentlichstes Asset ihr flächendeckendes Filialnetz und die (ob der Erkenntnis, wem sie da gedient haben, entnervten) Mitarbeiter sind, auch nur angestreift. Natürlich gibt es hundertprozentige Rechtssicherheit nicht zu kaufen - das hat auch ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer festgestellt - aber die Signale aus den USA sind die richtigen. Und auch um Signale geht es, in Fällen wie diesen.

Durchaus ist der Fall Bawag/Refco und der daraus notwendige Vergleich würdig, in den österreichischen Geschichtsbüchern aufgenommen zu werden. Denn Bankchef Ewald Nowotny, ein Mann von großem Pragmatismus, hat "den Deal" sehr offen als das beschrieben, was er ist: Ein Schuldeinbekenntnis im übertragenen Sinn. Nowotnys Argumentationskette: Die Bawag fühle sich in der Causa Refco zwar nach wie vor "als Opfer und nicht als Täter", aber der US-Staatsanwalt gehe eben davon aus, dass die Bawag den Managern des inzwischen insolventen US- Brokerhauses Refco bei Bilanzmanipulationen geholfen habe. Und genau diese Darstellung akzeptiert die Bank, um den Klägern den Wind aus den Segeln zu nehmen - und sie zahlt. Das ist der Deal.

Die ehemaligen Großen der Bank und der Gewerkschaft wird selbst dieser Vergleich, in dem sich nichts anderes als der Niedergang des finanziell wie ideologisch bewegungsunfähigen ÖGB manifestiert, nicht berühren.

Ein Ex-Bankchef Helmut Elsner hat schon vor Jahren über den Dächern der Wiener Innenstadt und Südfrankreichs abgehoben. Ihn hat bisher niemand, schon gar nicht sein Eigentümervertreter vom ÖGB, bremsen wollen - jetzt wird es niemandem mehr gelingen. Mag sein, dass richterlicher Druck ihn auf den Boden bringen wird; allein, Elsner wird diesen Boden mit jenen Brettern, die die Welt bedeuten, verwechseln und ebendort gekonnt die Opferrolle geben.

Nicht rasend bewegen wird der US- Deal auch einen Ex-Aufsichtsratschef Günter Weninger oder einen Ex-ÖGB-Präsidenten Fritz Verzetnitsch. Sie haben namens des ÖGB im Jahr 2000 die Haftung für die Bawag übernommen, den Streikfonds verpfändet - aber doch "nur, um die Bank zu retten", wie beteuert wird. Natürlich gilt für alle Genannten die Unschuldsvermutung und natürlich wehren sich die Genannten gegen die Vorwürfe, die man ihnen macht.

Ihre Unschuld im moralischen Sinn haben die Mitspieler des Bawag-Spektakels aber längst verloren. Autoritäre Banker, die weder wirtschaftliche noch Grenzen des Stils kannten. Eigentümer, die sich eine Melkkuh hielten, ohne zu kontrollieren, auf welchen sauren Wiesen die ihr Futter herbekam.

So gesehen ein Lichtblick, dass die Bawag in Amerika Schuld eingestanden hat. Der Druck war aber auch groß: Es ging schlicht ums Überleben - und das kostet eben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.6.2006)