Jiřì Gruša ist seit April 2005 Direktor der Diplomatischen Akademie. Der Schriftsteller und frühere tschechische Dissident war zwischen 1998 und 2004 Botschafter seines Landes in Wien, davor vertrat er die Tschechische Republik als Botschafter in Deutschland.

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derStandard.at: Der Aufwand rund um den Besuch von US-Präsident George W. Bush ist enorm. Wozu braucht es diese persönlichen Treffen überhaupt, denn immerhin gibt es ja auch Diplomaten?

Jiřì Gruša: Diese Treffen sind ja eigentlich Staatentreffen personifiziert in der Gestalt der Politiker. Was die Diplomatie natürlich versucht, ist das Persönliche in Politik zu beseitigen. Aber je mehr sie vorbereiten, desto mehr können Zufälle mitspielen: Das ist das Paradoxe der Politik.

Deswegen sind diese Treffen wichtig, weil auch die Chemie zwischen den Persönlichkeiten eine bestimmte Rolle spielt, letztendlich ist die Vernunft ein Gefühl für das Richtige. Sie können vorbereiten, was sie wollen: Je mehr die Politik diplomatischer wird, also indem man sie entpersonifiziert, umso größer wird dann die Rolle der jeweiligen Persönlichkeiten.

derStandard.at: Über EU-Gipfel sagt man, dass oft der Weg für Entscheidungen bei informellen Treffen wie etwa Mittagessen freigemacht wird. Ist dies auch bei bilateralen Treffen der Fall?

Gruša: Es gibt immer ein Szenario, ein Drehbuch, und es gibt ein Spiel, die Aufführung, und das Spannendste ist, ob das Szenario und das Spiel übereinstimmen oder nicht. Das Ganze dann wieder zusammenzustellen, ist immer das größte Problem bei diesen Treffen. Die Vorbereitung dient dazu, das potentiell Chaotische zu reduzieren, aber es ist nicht immer zu vermeiden und das ist der Reiz.

derStandard.at: Die Beziehungen zwischen den USA und der EU scheinen sich verschlechtert zu haben, seitdem Bush Präsident ist. Stimmt dieser Eindruck oder ist Bush einfach nur ein gutes "Feindbild", da er den Typus des "Cowboy" ja auch sehr bewusst verkörpert?

Gruša: Irgendwie scheinen wir völlig vergessen zu haben, dass sich die politische Landkarte nach dem 11. September verändert hat. Ich bin mir sicher, dass in der amerikanischen Politik nicht nur das Bewusstsein der Konfliktlage da ist, sondern - zumindest aus dem Bauch heraus – auch das Bewusstsein der wechselseitigen Angewiesenheit aufeinander. Die Bedrohung durch diese Attacken war eine klare und man hat gesehen, dass es hier sagen wir eine zivilisatorische Differenz gibt.

Ob die Reaktion auf diese Anschläge richtig war, etwa im Irak, das ist eine andere Frage.

derStandard.at: Allerdings werfen viele in Europa den USA vor, bereits den nächsten Krieg vorzubereiten, nämlich gegen den Iran.

Gruša: Diese Verdächtigungen sind Bestandteil der politischen Landschaft. Wenn man aber an die Atomwaffen und die Ankündigungen des Iran denkt, wundert man sich schon, dass man hier nicht reagiert, denn das ist eine Bedrohung für alle. Hier eine gemeinsame Politik zu entwickeln und Iran in ein gemeinsames Konzept einzubetten, ist nicht schlecht, sondern das muss man auf alle Fälle versuchen.

derStandard.at: Kanzler Schüssel hat angekündigt, das Thema Guantanamo ansprechen zu wollen. Wie spricht man heikle Themen wie dieses auf diplomatischer Ebene "unter Freunden" am Besten an?

Gruša: Das ist ein altes diplomatisches Rätsel. Mit dieser Ankündigung Schüssels ist das Thema im Grunde ja bereits angesprochen worden. Die andere Seite ist die Atmosphäre bei so einem Gespräch, wie die Vorbereitungen verlaufen sind und ob eine gemeinsame Erklärung ohne Gesichtsverlust möglich ist.

derStandard.at: Glauben Sie, dass auch die Kritik der EU an Guantanamo dazu beigetragen hat, dass die USA nun beabsichtigen, das Lager zu schließen?

Gruša: In dem Falle bin ich mir fast sicher, dass dem so war. Wenn die Menschenrechte die Hauptphilosophie unserer Haltung sind, dann ist eine Voraussetzung, dass jeder Mensch unabhängig seiner politischen Haltung gleich behandelt wird. Das heißt, selbst wenn die anderen nicht an unsere Werte glauben, wir müssen es.

Wenn wir uns im Zuge der Auseinandersetzung auf eine ähnliche Ebene begeben - indem die Rechte des anderen eben nichts gelten, weil er anders ist - dann beschädigen wir in dieser Sekunde das Wichtigste, was wir zu vertreten haben. Guantanamo hat diesen Gedanken geschwächt. Deswegen war die Kritik nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Sache. Das sage ich jetzt als ehemaliger Häftling: "Guantanamo: das darf man nicht, das soll man nicht machen!"

derStandard.at: Sie leben nun schon fast zehn Jahre in Wien, wie schätzen Sie die österreichische Haltung gegenüber den USA ein?

Gruša: Natürlich gibt es hier eine ganz andere Haltung als zum Beispiel in Tschechien, das sehr viel proamerikanischer ist. Das hat einen langen historischen Hintergrund, den man bis zur Gründung der ersten Tschechoslowakischen Republik zurückverfolgen kann. Dazu kommt, dass die anti-amerikanische Polemik dort seit der Nazi-Zeit bis 1989 eine ununterbrochene Kanonade von unglaublichen Idiotismen war.

Natürlich gibt es eine andere Haltung als hier, wo es aus der Machtsituation im 19. Jahrhundert heraus ein Konkurrenzgehabe gab. Erst nach 1945 kam ein sympathisches Element dazu, aber es musste entwickelt werden und war immer mit der Erwartungshaltung verbunden: "Wenn die doch einmal irgendwie stolpern könnten."

Ich würde den Unterschied so formulieren: "Wenn die Amis doch stolpern könnten", das ist der Gedanke, der in Österreich vorherrscht, die tschechische Haltung hingegen lautet: "Hoffentlich stolpern sie nicht."

derStandard.at: Wie würden Sie Bush als Diplomaten einschätzen und welchen Tipp würden Sie ihm geben?

Gruša Erstens würde es mich wundern, wenn er mich fragen würde. Zweitens, und das ist kein Ratschlag meinerseits, sondern das ist eine generelle Position: Wenn Du schon die Wahrheit vertreten willst, denk daran, dass es Versionen gibt. Denn bei einem solchen Anspruch besteht immer die Gefahr, dass man das vergisst. Ich sehe aber schon einen Versuch, mit Condoleezza Rice eine Polyvalenz-Position anzubahnen.