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Foto: APA/Arena Archiv

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In meiner Jugend ging uns vieles an die Nieren“, sagte Beatrix Neundlinger kürzlich bei einem Auftritt in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters. „Vor etwa 30 Jahren“ habe man engagierte Songs als Motor des gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet. Vielleicht „hat man da zu viel verlangt“, meinte die Sängerin und Flötistin, die nun, von Könnern der Wiener Weltmusik-Szene begleitet, als „9dlinger und die geringfügig Beschäftigten“ eine „Renaissance des politischen Liedes“ anstrebt und etwa Texte des Schriftstellers Heinz R. Unger zum Nahostkonflikt vertont.

Wiener Woodstock

Vor genau 30 Jahren spielten Neundlinger und die übrigen Musiker der „Schmetterlinge“ in der Wiener-Festwochen-Arena im ehemaligen Auslandsschlachthof von St. Marx Ungers „Proletenpassion“. Das Singen über historische Revolutionen anderer ging nahtlos in die Agitation für eine 1976 brandaktuelle über: Die „Schmetterlinge“ um Willi Resetarits und Georg Herrnstadt wurden Hausband der Arena- Besetzer, deren grandios gescheiterter Kampf um ein selbstverwaltetes Kulturzentrum im Rückblick als verspätete Mischung von Mai 1968 und Woodstock auf Wiener Boden gilt.

Der "Inlandsschlachthof"

Die Nostalgie betrifft jene 101 Tage, in denen Menschen, die von der Repräsentationskultur genug hatten oder einfach ein freieres Leben wollten, ihre Träume einen Sommer lang umsetzten, bis die Stadtverwaltung das Areal abreißen ließ. Eine Veranstaltungsreihe im kleineren Inlandsschlachthof, wo noch immer eine Arena existiert, erinnert heuer daran. Die Anfänge dieser kleinen österreichischen Kulturevolution reichen freilich länger zurück.

Bereits 1970 hatte Ulrich Baumgartner, Intendant der Wiener Festwochen seit 1963, im Museum des 20. Jahrhunderts die „Arena“ als Freiraum für internationale Avantgarde und künstlerische Randbereiche geöffnet. Baumgartner, der nach 1945 in Graz selbst Kabarett gespielt und der dann in der steirischen Kulturszene mitgemischt hatte, holte New Yorks atemberaubend körperbetontes La Mamma Theater nach Wien, brachte Otto M. Zykans Singer-Oper ebenso wie eine Volksmusik-Verarschung mit Wolfgang Ambros.

Inbegriff des Fringe Festivals war der „Grand Magic Circus“ des argentinisch-französischen Theaterzauberers Jérôme Savary. Seine Stücke, Von Moses bis Mao oder auch Les Grands Sentiments benannt, waren bunt-anarchische Revuen zum Rhythmus afro-kubanischer Trommeln. Der „Circus“, 1975 mit der gesamten Arena für die Dauer der Festwochen in den seit Jahren stillgelegten Auslandsschlachthof übersiedelt, vermittelte das befreite Lebensgefühl, das die Besetzer später in die Realität hinüberretten wollten.

Stadt in der Stadt

Und erst der Schlachthof! Mit seinen Hallen, Pavillons und baumgesäumten Promenaden hatte er sich, mit bunter Bemalung aufgefrischt, zur Stadt in der Stadt gewandelt, in der das Leben, anders als im verschlafenen Zentrum, bis in die Nacht brodelte.

Doch dann erfuhr Manfred Stadelmann, ein Vorarlberger Architekturstudent, der am Bühnenbild des Musicals „Schabernack“ mitarbeitete, dass der Schlachthof nach dem Ende der Festwochen abgerissen werden sollte. Stadelmann machte mit Freunden, darunter Dietmar Steiner, nun Leiter des Wiener Architekturzentrums, die Erhaltung der Anlage zum Thema eine Klausurarbeit in der Meisterklasse von Professor Gustav Peichl. Erste Flugblätter mit dem Text „Der Schlachthof darf nicht sterben“ wurden produziert.

Hausherr schickte Polizei weg

Am Sonntag, dem 27. Juni 1976, als in der Arena das Musical „Schabernack“ zum letzten Mal in Szene ging, fand am Wiener Naschmarkt ein „Anti-Schleiferfest“ gegen Übergriffe beim Bundesheer statt. Am Schluss forderten die „Schmetterlinge“ und das Kabarett „Keif“ (um Lukas Resetarits) das Publikum zur Übersiedlung in die Arena auf. Hunderte junge Leute kamen nach St. Marx. Polizisten die sich an die Räumung machten, schickte der Hausherr Baumgartner weg. In der Veranstaltungshalle wurde ein Transparent gehisst: „Hierbleiben ist Solidarität.“

Einzelne Medien beschrieben die Aktion als linksradikalen Aufstand, doch insgesamt war das Echo erstaunlich positiv. Zu offensichtlich war es, dass da die unterschiedlichsten Gruppen junger Menschen zusammengefunden hatten, voran Künstler vieler Sparten. Die Grenzen zwischen Künstlern und Publikum wurden aufgehoben. Beatrix Neundlinger organisierte mit anderen das „Café Schweinestall“. Videogruppen zogen ebenso ein wie Motorrad-Rocker. Um aus Erziehungsheimen geflüchtete Jugendliche kümmerten sich Sozialarbeiter, darunter Caspar Einem.

Augen-Öffner

Auch junge Berufstätige fühlten sich angezogen: Kurt Sedlak etwa, damals ein Installateurmeister Ende 20. Er hatte für den Bauring an der Wiener Großfeldsiedlung gearbeitet, wo ihn störte, dass die Wohnungen „alle gleich“ waren. Sedlak, der nie eine Uni von innen gesehen hatte, lauschte in der Arena fasziniert einem Vortrag des umstrittenen deutschen Sozialpsychologen Peter Brückner über die „Einheit von Leben, Kultur und Widerstand“. „Das war ein Augenöffner“, schwärmt Sedlak noch heute. Er kündigte seinen Job, blieb fast zehn Jahre Teil der Arena-Bewegung und arbeitet bis heute in der alternativen Kulturszene.

Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks in Meidling, wo ein international akklamiertes Stadtentwicklungsprojekt realisiert wird, organisiert er seit fast acht Jahren in Industriehallen ein Kultur- und Kreativprogramm. „Wenn die Stadt damals so gewesen wäre, wie sie heute ist, würden die Häuser der Arena noch stehen“, glaubt Sedlak. 1976 sei der in den 20er-Jahren gebaute Schlachthof einer „kaltherzigen Entscheidung der Stadt“ geopfert worden.

Zwei Lager in der SPÖ

Die städtische Grundstücksverwertung hatte das 70.000 Quadratmeter große Areal bereits den Planern eines Mode-Großhandelszentrums zugesagt, die dafür umgerechnet zwei Millionen Euro zahlen wollten, ein aus heutiger Sicht eher lächerlicher Betrag. Wie die Besetzer bald herausfanden, hatte der Gemeinderat dem Verkauf noch gar nicht zugestimmt. Man sah sich zwei Strömungen unter den Sozialdemokraten im Wiener Rathaus gegenüber. Gertrude Fröhlich-Sandner, die „Kulturmutter“, zeigte für die Besetzer Sympathien. Doch die Wirtschaftsfraktion um Finanzstadtrat Hans Mayr dachte offenbar nie ans Nachgeben. Jungen Leuten, die die Herrschaftslosigkeit probten, dürfe man schon aus „ordnungspolitischen“ Gründen keinen Raum geben, hieß es.

"Haschbrüder"

Dieter Schrage, damals über 40-jähriger Kulturvermittler und nun Chef der Grünen Senioren, bekam, als er in SPÖ-Bezirkssektionen um Verständnis warb, Klartext zu hören: „Das sind doch alles Haschbrüder, die auf Steuerkosten nur pudern wollen.“

Im September stimmte der Gemeinderat, obwohl 70.000 für die Arena unterschrieben hatten, dem Verkauf zu. Als der Abbruch Anfang Oktober begann, harrten nur noch wenige Besetzer aus. 1977 nahm die Arena-Bewegung einen neuen Anlauf und trotzte der Stadt den Inlandsschlachthof ab. Die Magie des Originals ließ sich zwar nicht transferieren, aber es gab eine Vielfalt an Veranstaltungen, von Punk- Konzerten bis zu Theaterproduktionen, bei denen spätere Stars wie Sophie Rois mitspielten.

Nach neun Jahren stellte ein Teil der Aktivisten die Arena auf eine mehr kommerzielle Basis, die anderen zogen weiter. In Wien bildete sich währenddessen eine Vielfalt von Kulturinitiativen heraus, Zentren wie das Flex und das WUK, zahlreiche Veranstaltungslokale entstanden. Im Kabelwerk inszenierte Hubsi Kramar Warten auf Godot für Meidlinger Arbeiter. Kurt Sedlak arbeitet dort auch mit jungen Graffiti-Sprayern, die er zwar nicht als so „sozialutopistisch“ wie damals, aber als selbstbewusst und engagiert erlebt. So gesehen, meint Sedlak, wäre „ein Relaunch der Arena durchaus angebracht“. (Erhard Stackl, DER STANDARD Printausgabe, 24./25.06.2006)