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Foto: APA/epa/Alejandro Ernesto
Er war immer an Fidels Seite, stand aber stets im Schatten seines älteren Bruders. Weder hat Raúl Fidels Charisma noch dessen Redegewalt oder imponierende Statur noch dessen politisches Geschick. Aber Fidel Castro vertraut seinem Bruder blind. Zusammen gingen sie bei den Jesuiten zur Schule, zusammen zettelten sie die Revolution an, zusammen überlebten sie den Angriff auf die Moncada-Kaserne im Juli 1953, zusammen gingen sie ins Exil nach Mexiko und zusammen übernahmen sie 1959 nach dem Triumph der Revolution die Kontrolle.

Schon kurz nach der Machtübernahme machte Fidel seinen Bruder mit den Worten "Hinter mir stehen Radikalere als ich" zum designierten Nachfolger und betraute ihn mit dem wichtigen Posten des Verteidigungsministers. Fidel war die Lichtgestalt, Raúl sorgte hinter den Kulissen mit harter Hand für Linientreue. Fidel mobilisierte die Massen in der Hauptstadt Havanna, Raúl sorgte in den rebellischen Provinzen für Ordnung, pflegte Kontakte zum Partner Sowjetunion und baute ein gefürchtetes Netz von Spitzeln auf.

Entsprechend weniger beliebt ist Raúl im Volk. Der fünf Jahre jüngere Castro-Bruder gilt als kommunistischer Hardliner, der mit harter Hand Abweichler und Dissidenten bestraft, sprich: Er macht die Schmutzarbeit für Fidel.

Raúl, geboren am 3. Juni 1931, gehörte schon als Student der Wirtschaftswissenschaften lange vor der Revolution der kommunistischen Jugendorganisation an, während Fidel sich erst 1961 zum Sozialismus bekannte. Bei der Verteidigung seiner Ideologie legte der schmächtige Mann mit der dicken Brille und dem Schnauzbart durchaus Flexibilität an den Tag.

So war er es, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Einführung der Bauernmärkte durchsetzte, auf denen erstmals Landwirte unter marktähnlichen Bedingungen ihre Produkte frei verkaufen konnten. Unter seiner Ägide entwickelten sich die Streitkräfte außerdem zu Unternehmern; bis heute ist die Tourismusfirma Gaviota in der Hand der Militärs. Aber Raúl war es auch, der - nachdem die schlimmste Wirtschaftskrise der Revolution überstanden war - die Zügel anzog und hart gegen den aufblühenden Privatsektor und allzu frei denkende Intellektuelle vorging.

Privat soll der 75-Jährige sehr jovial sein, gerne feiern und Witze erzählen. Manche Kubaner glauben daher, dass er lediglich die Maske des Hardliners trägt und eigentlich sehr viel flexibler ist als Fidel. Er könne alle überraschen und zum Dirigenten des Übergangs werden, ist in Ha-vanna hier und da zu hören.

Während Fidel zahlreiche Liebesaffären hatte, präsentiert sich Raúl gerne als Familienvater. Er ist seit 1959 mit der Parteigenossin und Frauenbeauftragten Vilma Espín verheiratet; das Paar hat drei Töchter und einen Sohn. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Print, 2.8.2006)