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Mit Mut zu herber Klangentfaltung, dabei auch im Kantablen geizlos: Magdalena Kozená als Idamante in der umjubelten Wiederaufnahme von "Idomeneo" in der Regie von Ursel und Karl-Ernst Herrmann.

Foto: AP/Schaad

Ursel und Karl-Ernst Herrmann haben ihre alte Produktion für "Mozart22" aufgewärmt. Im vokalen Bereich jedoch passierte teils Großartiges.

Salzburg – Unergründlich bleibt der Mensch. Da läuft ein Kicker plötzlich von der Mittellinie aus in Richtung eigenes Tor und bemerkt seinen Fehler erst, nachdem er seinen Gehäusehüter überwunden hat. Ist passiert. Genauso wie die Geschichte mit Regisseur Claus Guth. Der hat zwei ihm zustehende Karten für seinen Salzburger Figaro um einige hundert Euro verkauft. Mittlerweile hat er das Geld den Festspielen übergeben und bedauert sein Blackout.

Unergründlich bleibt auch das Publikum. Hat es 2000 bei der Geburt dieser Idomeneo-Produktion das Regie-Duo Ursel und Karl-Ernst Herrmann herzhaft ausgebuht, damals in der mit Baden-Baden kooperierenden Mortier-Ära, so gab es sich bei der späten Wiederaufnahme im Haus für Mozart begeistert und sah auch einen Grund zum Aufspringen von den Sitzen. So ist für diesen größten Publikumserfolg von "Mozart22" also der vorigen Intendanz zu danken. Symptomatisch für das enzyklopädische Projekt des Jubeljahres.

Natürlich kamen die Herrmanns stark in den Genuss jenes Lobes, das vor allem den Sängern galt. In der Tat ist etwa Ramón Vargas (als Idomeneo) wahrhaft eine festspielwürdige, lyrische Glanznummer von narkotischer Klangpracht. Da vergisst man fast, dass seine Rolle mehr verlangen würde, eine auch stimmlich zu thematisierende Seelenpein. Vargas, immer sympathisch, bringt sie selbst darstellerisch nicht wirklich rüber. Das Drama ist eher bei Magdalena Ko~ená (als Idamante) daheim. Mit Mut zu herber Klangentfaltung, dabei auch im Kantablen geizlos, zeigt sie, wie die Geburt von Tönen aus der Befindlichkeit des Figurcharakters zu meistern wäre. Grandios teilweise auch Anja Harteros (als Elettra). Das Gewicht des Dramatischen belastet zwar ihre Stimme hörbar, im Lyrischen verfügt sie aber über Weltklassequalität. Um sie herum leider viel Mittelmaß (etwa die intonationsunsichere Ekaterina Siurina als Ilia) und eine von Sir Roger Norrington auf Entschlackung eingeschworene Camerata Salzburg.

Irgendwie seltsam. Bei Norrington hört man alles, deutliche Akzente, ein differenziertes Ausloten der instrumentalen Ausdrucksgegensätze. Er lässt das Orchester herb sprechen, originalklanggemäß schlank agieren. Allein, alles ist wie unter einer Käseglocke versteckt, klingt gedämpft im galanten Mittelbereich der Intensität herum und nicht immer sauber. Da ist denn auch kaum Unmittelbarkeit zu spüren. Als würde Norrington warten, dass ihn die Musik erweckt, wo doch eher Umgekehrtes angebracht wäre.

Die unschöne Wasserleiche, die mehrfach dem Orchestergraben entsteigt, der zornige Neptun, ist wohl nicht schuld an der instrumentalen Durchschnittlichkeit.

Wie auch immer. In jedem Fall ist Neptun hier die einzige kantige Figur. Ansonsten fühlt man sich in die schöne Welt der Così (großes Festspielhaus) versetzt. Auch die haben die Herrmanns ersonnen, und auch bei Idomeneo bildet ein kahler Raum den Rahmen für das Spiel mit kleinen optischen Symbolen. Guckkastenbühne, in ihr der Orchestergraben als Pool, dahinter eine halbmondartige, nach hinten aufsteigende Schräge. Darin betören elegante Licht- und Schattenspiele, makelloses Gestaltungshandwerk. Glänzend wird an der Oberfläche herumästhetisiert. Dass das einst erregen konnte! (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.8.2006)