Stadionatmosphäre bei der Open-Air-Buchpräsentation mit Wolf Haas im Wiener Museumsquartier.

Foto: STANDARD/Christian Fischer

Wolf Haas: "Die Aufgabenstellung war: Ich möchte eine Liebesgeschichte schreiben, aber so, dass mir nicht auf Seite zwei schon die Füße einschlafen."

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Wien - Vom avancierten Geheimtipp hat sich das "kleine", am Donnerstag im MQ zu Ende gegangene Literatur-Sommerfestival zu einem Publikumshit entwickelt. Nachdem man schon in den vergangenen Wochen mit Autoren wie Josef Haslinger, Peter Henisch oder Thomas Glavinic jeweils mehrere hundert Besucher angelockt hatte, herrschte bei der letzten Veranstaltung quasi Stadionatmosphäre: Gut 1.400 Zuhörer wollten die Vorabpräsentation von Wolf Haas' neuem Roman Das Wetter vor 15 Jahren nicht versäumen.

Unterhaltungskünstler

Der Schriftsteller dankte es in einer amüsanten Lesung und erwies sich auch im Gespräch mit Standard-Kulturchef Claus Philipp als Unterhaltungskünstler - ausgehend von einem Buch, das durchaus vertrackt komponiert ist. Immerhin liest man hier nicht einfach einen Roman, sondern vielmehr ein Interview über einen Roman, in dem wiederum Wolf Haas der Redakteurin einer "Literaturbeilage" fünf Tage und Kapitel lang vor allem erklärt, was in diesem seinem Roman alles nicht drinnensteht.

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Standard: Man denkt, wenn man das Buch zum ersten Mal aufschlägt, tatsächlich, dies sei ein PR-Coup des Verlags ...

Wolf Haas: Einige Journalisten haben schon beim Verlag angerufen und gesagt, sie wollen jetzt bitte das richtige Buch lesen. Andere meinen, das sei sehr kompliziert. Dabei ist es ganz einfach. Es handelt von zwei Jugendlichen, die bei ihrem ersten Kuss unterbrochen wurden, und sich nach 15 Jahren wieder treffen, um ihn fertig zu küssen.

Standard: Weiters handelt das Buch von einem Autor, der vorm Fernseher sitzt und wieder einmal "Wetten dass" sieht.

Haas: Ja, dieser Autor, das ist der Wolf Haas. Viele Kritiker sind ein wenig skrupelhaft und meinen: "Den darf man jetzt nicht mit Ihnen gleichsetzen, das ist doch eine Kunstfigur, oder?" Es gibt aber ein englisches Sprichwort: "If it walks like a duck, and if it talks like a duck, call it a duck."

Standard: Also Wolf Haas?

Haas: Es ist genauso der Wolf Haas, wie ich der Wolf Haas bin. Man muss das nicht unnötig verkomplizieren. Und ich - oder soll ich "er" sagen? - lüge ja auch permanent in Interviews. Das hat mich an dieser Form auch am meisten gereizt: Dass das so eine dummdreiste Behauptung von Realität ist.

Ich lese wahnsinnig gern Interviews, da habe ich immer das Gefühl: Ach, der hat das echt gesagt, jetzt habe ich erfahren, wie es wirklich ist! Aber wenn ich ein Interview lese, dass ich selbst gegeben habe, fällt mir immer auf: Eigentlich ist das eher ein Mischporträt, vom Antwortenden und vom Fragenden gleichermaßen. Aber als letztes Refugium einer textlosen Mitteilung finde ich das Interview eine faszinierende Form.

Standard: In diesem Fall auch sehr überraschend. Als Sie nach dem letzten Brenner-Roman sagten, dass Sie keine Krimis mehr schreiben, kündigten Sie eine Liebesgeschichte an. Ähnlich wie: "Ein Landschaftsgemälde". Haas: Der Vergleich ist gut. Als Mensch, der sich selbst ein bisschen für Literatur interessiert, bin ich mitunter schon verzweifelt darüber, was für ein konservatives Milieu diese Literatur ist - im Vergleich etwa zur bildenden Kunst. Wenn man dort genauso konservativ wäre, stünde in den Feuilletons wohl nichts anderes zu lesen als: Hallo, da hat gerade jemand einen anderen Heuschober gemalt als Cézanne.

Aber nein: In der bildenden Kunst ist es völlig normal, dass alle permanent versuchen, etwas Verblüffendes zu produzieren. In der Literatur hingegen, wenn man nur irgendwie vom üblichen Prosa-Gatsch abweicht, durch den man dann 500 Seiten lang durchrudern muss, obwohl sich die Geschichte auch auf zehn Seiten erzählen ließe, da sagen dann viele: Warum ein Interview? Oder, wie beim ersten Brenner-Roman: Warum dieser holprige Stil? Erst nach dem dritten Roman hatten sich ein paar Leser daran gewöhnt und sagten: Hoffentlich schreibst du jetzt immer so.

Standard: Parallelen zu damals sind tatsächlich unübersehbar. Zuerst fragte man, ob sich der Ex-Werbetexter Wolf Haas als Krimiautor bewähren kann. Jetzt: Kann der Ex-Krimiautor eine Liebesgeschichte ...

Haas: Ja, in den ersten Interviews und Porträts anlässlich der Brenner-Romane wurde ich übrigens immer als extrem schüchternes Landkind beschrieben, weil man sich unter einem Werber normalerweise ein präpotentes Arschloch vorstellt. Naja und jetzt ...

Standard: Zurück zur Frage: Worum geht das Buch? Da tritt ein Typ bei Thomas Gottschalk in "Wetten dass" auf, und der Autor, der Wolf Haas, sieht den im Fernsehen. Und der Typ, dieser Vittorio Kowalski aus dem Ruhrpott kann alle Wetterlagen aus einem Tiroler Dorf in den letzten 15 Jahren memorieren, weil er vor 15 Jahren in diesem Bergdorf verliebt war.

Haas: Also, ich finde, das ist eine unglaublich romantische Wette.

Standard: Gab es zu der ein reales Parallelvorbild, das Sie inspiriert hat?

Haas: Nein, das hab ich alles erfunden. Ich bin ja Schriftsteller. Ich habe aber, während des Schreibens, immer wieder das Wetten dass-Archiv im Internet konsultiert. Da kann man wirklich einiges lernen darüber, was früher en vogue war. In den 80ern gab es zum Beispiel unzählige Gabelstapler-Wetten!

Standard: Gabelstapler? Auch aus Liebe?!

Haas: Wahrscheinlich waren alle von Liebe getrieben, die jemals bei Gottschalk aufgetreten sind, und wir wissen es nur nicht. Mein Held ist jedenfalls jetzt geoutet.

Standard: Und jetzt recherchiert der Autor hinter ihm her bzw. er erzählt im Interview im Buch, wie er Kowalskis Geschichte recherchierte.

Haas: Ich wurde ja nach jedem Brenner-Roman oft gefragt: Wie recherchiert man so was? Ich habe nie recherchiert! Diesmal dachte ich also: Wenn ich schon keine Krimis mehr schreibe, so möchte ich doch wenigstens einmal wirklich recherchieren. Und ich bin - ehrlich wahr - eine Woche ins Ruhrgebiet gefahren.

Standard: Hat's was gebracht?

Haas: Nein, genau an dem Tag, wo ich rauffuhr, fuhr Kowalski runter nach Tirol, weil die Anni, seine Jugendliebe, ihn in "Wetten dass" gesehen und ihm eine Postkarte geschrieben hatte - im Buch.

Standard: Man sieht schon, mit Inhaltsangaben kommen wir wirklich nicht weiter.

Haas: Na ja, deswegen wird mir wohl im Ausland immer bescheinigt, dass Übersetzungen meiner Bücher misslingen. Weil sie eine Form haben, die nicht so leicht zu "übersetzen" ist. Und die Geschichte ist mit ihrer Form immer relativ eng verwoben. Man kann ja auch ein Lied von Bob Dylan nicht nacherzählen im Sinne, dass da einer jammert, dass er an die Himmelstür klopft.

Standard: Wie heißt es im Buch: Cover und Klappentext erzählen die Geschichte, der Autor kann sich auf das Kleingedruckte konzentrieren. Das Kleingedruckte: In vielen Büchern sind das die Fußnoten.

Haas: Danke für den Tipp. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen: Einen Fußnotenroman zu schreiben. (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.9.2006)