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Voriges Jahr zeigte Jamie Oliver Premier Tony Blair seine gesunde Schulkost, jetzt ist sie verpflichtend.

Foto: Reuters
Wer nicht weiß, was ein Turkey-Twizzler ist, hat nichts verpasst. - Sagt Jamie Oliver, und der muss es wissen. Unvergesslich die Szene, in der Englands beliebtester Koch einen Turkey-Twizzler auf die Gabel spießt, einen dieser vorfabrizierten Ringelwürmer aus Truthahnmasse, viel Fett und Chemie. Er mustert das Ding von allen Seiten, mit einer Miene blanker Verzweiflung. "Und so was kriegen unsere Kinder zu essen", knurrt er und schleudert den nährstoffarmen Kunstwurm angeekelt zurück in die Pfanne.

Mit Jamie Olivers berühmter Fernsehszene, gedreht vor gut einem Jahr, wurde sie eingeläutet, die Revolution an den Schulkochtöpfen der Insel. Jetzt, da sich die Klassenzimmer nach den Ferien wieder füllten, kommt sie erst richtig in Fahrt.

Frische Pizza

Die Turkey-Twizzler sind so passé wie Rauchen in irischen Kneipen. Nun schreiben neue Richtlinien vor, dass all das auf den Tisch kommt, was speziell Teenager bisher als "uncool" verpönten: Salatblätter, knackige Karotten, richtiges Fleisch und frische Pizza an Stelle der billigen Gefrierkost, die zu salzig ist und nur dick macht. Pommes frites, die bei den Briten übrigens Chips heißen, dürfen Schülern zweimal pro Woche vorgesetzt werden - höchstens.

Nur wer weiß, wie gründlich die Chips den Speisezettel der Briten noch immer beherrschen, weiß zu würdigen, um welchen Sinneswandel es geht. Auch Salzstreuer sind fortan tabu, Ketchupflaschen ebenfalls, erlaubt sind nur Ketchupsackerln. Fettige Burger? - Nein, danke!

"Aus Kindern, die gesund essen, werden vielleicht einmal Erwachsene, die sich gesund ernähren", hofft Alan Johnson, der beneidenswert schlanke Bildungsminister. Alarmiert durch aktuelle Statistiken, pumpt Tony Blairs Regierung viel Geld in die Schulkantinen, umgerechnet 80 Millionen Euro pro Jahr, um bessere, gesündere Zutaten zu subventionieren. Mit aller Macht will sie einen bedenklichen Trend stoppen, denn die britischen Schülerinnen und Schüler gehören zu den molligsten in ganz Europa, doppelt so viele wie in den Achtzigerjahren sind fettleibig. Erst jüngst sprachen die Wissenschafter in London sogar von einer Übergewichts-Zeitbombe. Wenn nichts geschehe, würden 2010 drei Viertel aller britischen Männer und drei Fünftel aller Frauen zu viele Kilos auf die Waage bringen.

So weit, so ernüchternd. Nun aber kommt "a licence to cook", ein Programm, dessen Motto klingt, als wäre es einem James-Bond-Film entlehnt. Man will Kurse einführen, 24 Stunden praktischen Unterricht an Tiegeln und Töpfen, endend mit einer Lizenz zum Kochen. Ab 2008 muss jede Schule solche Lehrgänge im Angebot haben.

Unbekannte Karotten

Wieder war es Oliver, der quirlige Schauspielertyp, der die Lawine ins Rollen brachte. Wunderbar drastisch die TV-Episode, in der er Zehnjährigen ein kleines Sortiment vor die Nase hält, Karotten, Broccoli, Petersilie. "Na, wer von euch weiß, was das ist?" Die Antworten sind so niederschmetternd, dass der Koch sein Gesicht verzieht, als wäre ihm gerade das Lamm im Ofen verbrannt.

Mit einer einzigen Bildschirmserie über die Misere des Schulessens erreichte er, woran sich Generationen gesundheitsbewusster Pädagogen die Zähne ausgebissen hatten. Was der 30-jährige Wirbelwind anschob, ist von jetzt an Schulpolitik.

Kein Wunder, dass 96 Prozent der Briten wissen, wer Jamie Oliver ist. Ein smarter Bursche mit frech verstrubbelten Haaren und losem Mundwerk, energiegeladen und jungenhaft charmant. Schon mit acht schnitt er im "Cricketers", dem Lokal seines Vaters, Hühnerbrüste vom Knochen. Mit 21 bekam er seine erste TV-Sendung, es folgte der kometenartige Aufstieg zum "Naked Chef" - nicht etwa, weil er entblößt an den Herd trat, sondern weil er die Zutaten gern nackt, also unverfälscht, in die Pfanne warf. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD-Printausgabe, 06.09.2006)