Mit Jubelrufen begrüßten die meisten Japaner die Geburt des neuen Thronfolgers: Prinzessin Kiko wurde Mittwochfrüh von einem Buben entbunden

Foto: Issei Kato
Tokio - "Gut gemacht", schwärmte eine grauhaarige Kimonoträgerin, die sich vor der Aiiku-Klinik in Tokio postiert hatte. "Ich freue mich so für die Prinzessin!". Prinzessin Kiko hatte am Mittwochmorgen um 8.27 Uhr (1.27 Uhr MESZ) den ersehnten Nachfolger für Japans Chrysanthementhron zur Welt gebracht.

Der Bub wurde durch einen Kaiserschnitt entbunden, wog laut offiziellem Bulletin 2558 Gramm und ist 48,8 Zentimeter groß. Es hieß, der Mutter und dem Baby gehe es gut, und die Eltern würden den Namen des Kindes nach Abhaltung eines Hofzeremoniells, ungefähr in einer Woche, bekannt geben.

Unmittelbar nach der Geburt wurden auf öffentlichen Gebäuden und Kaufhäusern in Tokio Transparente und Plakate entrollt und Millionen Menschen lasen freudig die frohe Botschaft. "Ah, es ist wirklich ein Bub! Endlich!", jubelte ein Kameramann, als er vernahm, dass sich das seit Wochen kursierende Gerücht jetzt als wahr herausstellte.

Nur Mädchen

Seit 1965 war kein Sohn mehr in die Familie von Tenno Akihito und seiner Frau Michiko geboren worden. Prinzessin Kiko, die am 11. September 40 Jahre alt wird, und ihr 40-jähriger Mann, Prinz Akishino, haben schon zwei Töchter. Der ältere Kaisersohn, Prinz Naruhito hat mit Kronprinzessin Masako die vierjährige Tochter Aiko. Masako, die einst viel gerühmte Diplomatin, ist heute als "die verstummte Prinzessin" bekannt. Sie leidet unter schweren Depressionen, allgemeinen Annahmen zufolge deshalb, weil sie dem Kaiserhaus noch keinen Sohn schenken konnte.

Der nun geborene Prinz ist nach Naruhito und Akishino der Dritte in der Thronfolge. Seine Geburt ließ die meisten Japaner aufatmen. Sie hatten nicht nur monatelang um den guten Verlauf der Schwangerschaft gebangt, für sie ist nun auch die endlose Debatte über die Thronfolge zu Ende. Denn die Frage war, ob nur ein Mann den Chrysanthementhron besteigen darf, wie es die bisherige Tradition war, oder ob künftig auch eine Frau Oberhaupt der ältesten Monarchie der Welt sein darf.

Die vierjährige Aiko hätte damit die erste Kaiserin seit 1771 werden können; damals war die letzte von insgesamt acht Kurzzeit-Kaiserinnen in der Geschichte Japans abgetreten.

Kaiserin akzeptiert

Eine Kaiserin kann sich die Bevölkerung gut vorstellen, wie Umfragen belegen, doch konservativen Kreisen gilt diese Vorstellung als wahres Schreckensszenario, denn sie könnte "einen blonden blauäugigen Ausländer" heiraten. Das würde man niemals zulassen.

"Das sind gute Nachrichten", kommentierte Ministerpräsident Junichiro Koizumi die Geburt. Just als seine Regierung eine Änderung des Thronfolgegesetzes zugunsten von Frauen angestrebt hatte, platzte die Nachricht von Kikos Schwangerschaft in die Öffentlichkeit. Der Gesetzesentwurf wurde daraufhin nicht weiter ausgearbeitet und die Debatten sind wohl auf Jahrzehnte ausgesetzt.

Aber spätestens wenn der jetzt geborene Thronfolger sein Amt als Tenno antritt, wird auch er für einen Sohn als Nachfolger sorgen müssen. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe, 07.09.2006)