Insbesondere deutsche Unternehmen interessieren sich für Nearshore-Standorte in Mittel- und Osteuropa. "Viele aufstrebende Länder und Regionen wollen nicht nur die verlängerte Werkbank, sondern auch das Back-Office für Unternehmen in Hochlohnländern werden", sagt Thomas Meyer von Deutsche Bank Research . Offshoring sei ein Wachstumsmarkt, der an Breite und Tiefe gewinne. An Breite, weil sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite neue Spieler die Bühne beträten; an Tiefe, weil auch komplexere Prozesse ausgelagert würden. Die mittel- und osteuropäischen Länder gewinnen an Bedeutung, da sie Lücken in der Angebotsstruktur füllen, die bisher vor allem auf den angelsächsischen Markt ausgerichtet war.

In den Ländern Mittel- und Osteuropas fallen die günstigen Löhne, das hohe Bildungsniveau und die stabilen makroökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen positiv ins Gewicht. Der Erfolg Indiens werde nicht zuletzt auf das große Angebot englischsprachiger Mitarbeiter zurückgeführt, da über 70 Prozent der westeuropäischen Ausgaben für Offshoring aus angelsächsischen Ländern kommen. Hier seien kontinentaleuropäische Länder im Nachteil. "Mittel- und Osteuropa bietet ihnen sprachliche Alternativen: Knapp 40 Prozent aller Schüler in den neuen EU-Mitgliedstaaten lernen zum Beispiel Deutsch", so Meyer. Darüber hinaus lernten über 70 Prozent der Schüler Englisch. Für französische Unternehmen sei Rumänien interessant, weil dort über 85 Prozent der Schüler Französisch lernen. In Europa existiere ein breiter Kanon an gemeinsamer Geschichte und Tradition, der das gegenseitige Verständnis erleichtere. In den mittel- und osteuropäischen Staaten falle es den Menschen leichter, die impliziten Signale im Sinne des Senders zu interpretieren.

Im Vergleich zu anderen Handelsströmen sei die quantitative Bedeutung des Handels mit IT-Dienstleistungen noch gering, so ein Ergebnis von Deutsche Bank Research. Die EU 15 hätten 2004 IT-basierte Dienstleistungen im Wert von rund 4,5 Milliarden Euro aus Mittel- und Osteuropa und rund eine Milliarde Euro aus Indien importiert. Weltweit habe die EU 15 Dienstleistungen im Wert von rund 760 Milliarden Euro - davon rund 220 Milliarden Euro IT-Dienstleistungen - vor allem aus anderen Industriestaaten bezogen. "Mittel- und Osteuropa fehlt eine IT-Spezialisierung im Export oder in der Bildung. Weniger als vier Prozent der Exporte werden in Mittel- und Osteuropa durch IT-basierte Dienstleistungen erzielt. In Indien liegt der Anteil bei 17 Prozent", stellt Meyer fest. Auch der Anteil der Absolventen im Fach Informatik liege unter dem westeuropäischen oder indischen Schnitt.

"Deutsche Bank Research kommt zu dem Ergebnis, dass sich Mittel- und Osteuropa insbesondere bei der Produktion komplexerer Back-Office-Prozesse anbietet. Bei klassischen, standardisierten IT-Dienstleistungen werde es jedoch für diese Region schwer, sich gegen die Spezialisierungsvorteile wie die Erfahrung etablierter Offshore-Standorte wie Indien durchzusetzen. Nach Studien von Harvey Nash wird der Anteil von Outsourcing an den gesamten ITK-Budgets in Deutschland weiter steigen. Ein Großteil davon wird an Offshore-Anbieter vergeben", sagte Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer ITK-Beratungsunternehmens Harvey Nash , gegenüber pressetext. Deutschland habe den Trend zum Auslagerung auch komplexerer Aufgaben lange Zeit verschlafen. Dieser Fehler dürfe nicht wiederholt werden. Es sei schließlich kein Naturgesetz, dass die neuen EU-Staaten nicht auf Dauer bei der eigenen IT-Kompetenz zulegen würden. Indien habe seinen rasanten Erfolgsweg ja auch erst vor rund 15 Jahren begonnen. (pte)