Bandleader seit nun 40 Jahren: der Trompeter und Sänger John Evers.

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Wien – "Für mich ist Louis Armstrong der größte Revolutionär des Jazz und die wichtigste musikalische Figur des 20. Jahrhundert. Er hat erst die Basis für alles Weitere geschaffen." Wer mit John Evers ins Gespräch kommt, der bleibt nicht lange im Unklaren darüber, welches Blut durch seine musikalischen Adern strömt. Ist der 67-Jährige doch seit Jahrzehnten als Hans Dampf und eloquenter Apologet der traditionellen Wiener Jazzszene bekannt, der seiner Liebe zur Musik als Bandleader, Buchautor, Radiomoderator und Plattensammler frönt.

Der Trompeter und Sänger in Evers ist zurzeit in Feierstimmung: Schließlich begeht seine Blue Note Six am Samstag ihren 40. Geburtstag. Und erreicht damit ein Alter, das in Europa – mit Ausnahmen – jenen Formationen vorbehalten scheint, die ab den 50ern im Zuge der Dixieland-Revival-Welle, der historisierenden Gegenbewegung zum als avantgardistisch und jazzfern empfundenen Bebop Charlie Parkers, entstanden sind.

"Natürlich bin ich stolz darauf, eine Band bei relativ geringer personeller Fluktuation so lange zusammen zu halten", so John Evers. Und nennt als einen Höhepunkt der überreichen Bandgeschichte das Gastspiel beim weltgrößten Dixieland-Festival in Sacramento 1981 – zumal die Blue Note Six, so Evers, als erste österreichische Jazzband offiziell zu einem US-Festival eingeladen wurde.

Womit man bei einem weniger erbaulichen Thema angelangt ist: "Die Blue Note Six ist im Ausland bekannter als in Wien. Hier gibt es 14 traditionelle Jazz-Bands, davon mindestens vier mit internationalem Niveau. Trotzdem ist die Berichterstattung gleich null. In anderen Städten, etwa London, Hamburg oder Frankfurt, ist man – auch – auf die ‚Traditionalisten’ stolz!"

Ob für die Randexistenz des traditionellen Jazz nicht auch ästhetische Gründe eine Rolle spielten, etwa dass hier der Respekt vor den originalen Referenzaufnahmen, die es stilgetreu nachzuempfinden gelte, Vorrang habe gegenüber der Entwicklung persönlicher musikalischer Profile, der obersten Maxime kreativen zeitgenössischen Musizierens? Evers’ Sichtweise ist eine andere. "Es liegt an den Medien, es bedarf eines Anstoßes, sich damit zu beschäftigen. Ich erlebe das, wann immer wir vor jungen Leuten spielen – sie reagieren äußerst positiv. Traditioneller Jazz kommt ja beim breiten Publikum an, weil er eingängiger ist als moderner – was natürlich nichts mit Qualität zu tun hat. Guter Dixieland-Jazz ist nicht einfach zu spielen. Es gibt in Österreich – mit der Ausnahme Heinz von Hermanns – keinen Modernjazzer, der traditionellen Jazz wirklich spielen kann. Mit unserer Generation wird diese Musik in Mitteleuropa aussterben."

Pessimistische Aussichten, die John Evers freilich nicht von einer puristischen Grundhaltung abbringen können: Das Dixieland-Genre zu erneuern, indem man vom historischen Reinheitsgebot abgeht und andere Einflüsse zulässt, davon hält er nichts: "Die Genres sind so verschieden – das ist unvereinbar." Diese Behauptung kreativ zu widerlegen, könnte eine der Zukunftsoptionen des traditionellen Jazz sein. Zumal der Umdeutung dieser Musik zum – wie etwa die Wiener Klassik – gehegten und gepflegten Interpretationsobjekt, über die mancherorts räsoniert wird, einerseits die noch zu geringe historische Distanz, andrerseits das (in diesem Fall: paradoxerweise) weiterhin spontaneistische, innovative Über-Image des Jazz entgegensteht. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2006)