Es ist die klassische Situation des phantastischen Realismus seit Kafkas Verwandlung: Jemand erwacht und findet sich in einer anderen als seiner gewohnten Welt wieder. In Hannelore Valencaks Buch heißt dieser Jemand Ursula, eine junge Frau, frisch und glücklich verheiratet. Sie schläft ein an einem Juliabend, vor der Abreise zum ersten gemeinsamen Urlaub, und sie erwacht an einem Februarmorgen. In der Nacht hat sie von ihrer alten Tante geträumt, bei der sie vor ihrer Heirat lebte: „Ich war weit zurückgeschoben worden auf dem großen Verschubbahnhof der Nacht, zurück in jene längst vergangene Zeit. (...) Und jemand hat eine Weiche falsch gestellt, und ich bin auf der falschen Seite aufgewacht. Dies hier war ein falscher Tag, ein falsches Leben. Es war meine eigene Vergangenheit.“

Dass Valencaks unter dem Titel Zuflucht hinter der Zeit 1967 erschienener Roman nun neu aufgelegt wurde, ist ein Glücksfall für Leser. Endlich kann man ein Schlüsselwerk der österreichischen Literatur nachlesen, ein Buch, das seine Faszination bis heute bewahrt hat, nicht nur weil es in einer aufregend unaufgeregten Sprache geschrieben ist, einer Sprache von gleichsam kontrollierter Intensität, bald bildhaft, bald sachlich, bald souverän ironisch. Nein, Das Fenster zum Sommer (so der Titel der Neuausgabe 1977) ist auch das, was man altmodisch „gedankenreich“ nennen könnte, die überaus anregende, bis ins Kleinste durchdachte Geschichte einer intelligenten Autorin.

Wie eine Figur im „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel sieht die Heldin sich von einer höheren Gewalt zurück an den Start gestellt: in den muffigen Haushalt der herrschsüchtigen und egomanischen Tante Priska, die an ihr Mutterstelle vertreten hat, an den rußigen Rand einer größeren Stadt, in das öde Übersetzungsbüro einer Stahlfirma (wohl eine Reminiszenz an Donawitz, den Geburtsort der Autorin). Am Anfang will Ursula dagegen aufbegehren, sie muss aber einsehen, dass ihr Mann Joachim sie – noch – nicht kennt und auf sie auch nicht neugierig ist. Dann versucht sie gezielt, seine Bekanntschaft zu machen, bis ihr klar wird, dass sie mit jeder Aktivität, mit jeder Abweichung vom einmal begangenen Weg die „künftige“ schicksalhafte Begegnung in der Straßenbahn gefährdet. Dabei ähnelt Ursulas Joachim, der Sensible, Lebensweise, Ränkelose, mehr einem Wunschbild als einem Mann aus Fleisch und Blut.

Valencak zeigt, wie das Wissen um baldige Veränderung zum Guten das Verhalten beeinflusst, wie es ein lethargisches, mutloses Wesen bald großzügig-verständnisvoll macht, bald rebellisch. Herrlich sind die boshaften Beschreibungen der langweiligen Bürokollegen, des sadistischen Chefs, der unausstehlichen Tante („Die geistige Nahrung, die Tante Priska aufnahm, erinnerte mich an Zeiten der Hungersnot, in welcher die Leute Baumrinde kauten und Suppen aus Lederriemen kochten“). Das Fenster zum Sommer ist auch ein Plädoyer gegen die kleinbürgerliche Genügsamkeit, gegen das Arrangement mit der Welt und den Kotau vor dem Schicklichen. Vor allem aber demonstriert der Roman „die entsetzliche Gewalt der Zeit, unser ständiges Eingespanntsein in ein Jetzt und Hier. Nicht die kleinste Ausweichbewegung war erlaubt.“

Ein Stück Lebenszeit zu wiederholen, das ist ein Ausbruchsversuch, der den Zwang nur umso deutlicher vor Augen führt. Hundert Fragen stellen sich: Was tun, wenn man das Todesdatum einer Frau kennt? Sie warnen? Auch wenn das den Gang der Dinge stört? Und wie schlägt man jene wüstenhaft leeren Tage tot, die man schon einmal durchlebt hat? Ursula findet schließlich das Bild der Existenz im Fluss der Stadt, der am einen Ende klar dahinfließt, am anderen als schwarze giftige Brühe, Zukunft und Gegenwart stets in einem. Die Zeitreise steckt voller überraschender Wendungen, das Ende ist kein glückliches, obwohl sich herausstellt, dass Ursula noch Glück gehabt hat.

Der Wirtschaftswunderglaube der Sechzigerjahre begünstigte literarische Fantasien von einer Zuflucht hinter der Zeit: Marlen Haushofers Die Wand und Thomas Bernhards Frost waren solche Ausstiegsversuche. Hannelore Valencaks Interesse für das Phänomen Zeit mag damit zu tun haben, dass sie Physikerin war. Mit ihrer Literatur hat sie sich damals hier zu Lande einen Namen gemacht, als sie vor zwei Jahren starb, war sie jedoch beinah vergessen. Hoffentlich ist dies der Startschuss für die Wiederauflage ihrer anderen Bücher. (Daniela Strigl, DER STANDARD, Printausgabe vom 9.9.2006)