Wien - Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) wird heute, Dienstag, gleich zweimal auf dem Prüfstand stehen. Auf erwartungsgemäß heftige Attacken darf sich die ÖVP-Politikerin im Parlament einstellen, wo sie eine auf Antrag der SPÖ einberufene Sondersitzung des Nationalrats zum Thema "Bildungsnotstand" überstehen muss. Dort gilt es, für Gehrer auch einen angekündigten Misstrauensantrag der Grünen abzuwehren.

Gehrers bildungspolitische Aktivitäten werden heute aber auch im internationalen Vergleich bestehen müssen. Denn die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, präsentiert ihre neueste Vergleichsstudie "Education at a Glance 2006" (Bildung auf einen Blick) in Tokio, Paris und Berlin. In Deutschland wird OECD-Chefanalyst und Pisa-Studie-Erfinder Andreas Schleicher, die internationale Analyse der Bildungsindikatoren im Schul- und Universitätsbereich vorstellen.

Im Vorjahr wurde vor allem Österreichs Unisystem mit der unterdurchschnittlichen Akademikerquote (15 Prozent in Österreich, 24 Prozent im EU-Schnitt) als bildungspolitische Krisenzone kritisiert. Ausreißer nach unten waren auch die österreichischen Bildungsausgaben. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sanken sie von 6,1 Prozent im Jahr 1995 auf 5,7 Prozent 2002 (OECD-Schnitt 6,1 Prozent).

Das Jonglieren mit Zahlen wird auch im Parlament vorexerziert werden. Bereits am Montag hielten VP und SP einander diverse Bildungsziffern vor. Die ÖVP spricht in ihrem Wahlprogramm von "+24 Prozent" beim "Bildungsbudget" zwischen 1995 (7,3 Prozent) und 2006 (9,1 Prozent).

SP-Bildungssprecher Erwin Niederwieser rechnete umgekehrt vor, dass "das Unterrichtsbudget unter Schwarz-Blau-Orange von 2,77 auf 2,36 Prozent gesunken ist". Die ÖVP versuche mit "Halbwahrheiten von ihrer verheerenden Bilanz abzulenken". SP-Familiensprecherin Andrea Kuntzl führte als Beleg für Gehrers Missmanagement den "Nachhilfe-Wahnsinn" ins Treffen. Laut einer Studie der Arbeiterkammer brauche "fast jedes 10. Kind zwischen sechs und zehn Jahren" Nachhilfe.

Ungemach könnte Gehrer übrigens auch durch ihren Noch-Koalitionspartner BZÖ drohen, der seit der brüsken Zurückweisung des "Sozialpakets" durch die ÖVP Lust zum Abspenstigsein zeigt. Und so gefiel es BZÖ und SPÖ am Montag gleichermaßen, der ÖVP mit einer orange-roten Abstimm-Mehrheit zu drohen, um so das vom BZÖ gewünschte Schulstartgeld im Tausch gegen die von der SPÖ sofort gewünschte Senkung der Klassenschülerhöchstzahl auf 25 gemeinsam durchzusetzen. BZÖ-Chef Peter Westenthaler sprach von "durchaus interessanten Ansätzen."

Grünen-Chef Alexander Van der Bellen deponierte erneut, dass es für seine Partei "keine Koalition mit der ÖVP mit Ministerin Gehrer gibt".

Nach Gehrers überraschender "Quotenlösung" für die Medunis Wien und Innsbruck liegen seit Montag die Grazer Testergebnisse vor :Deutsche und Österreicher waren gleich gut. Allerbeste war aber eine Österreicherin. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe 12.9.2006)