"Nur der Feige verzagt" lautet der von Nazis in der NS-Zeit auf das Droßer "Judenlager" gemalte Spruch. Die Spuren sind bis heute nicht verschwunden.

Foto: Gregor Kremser
Droß – Mit dem Aufstellen von vier schlichten Tafeln an vier Plätzen im Ortsgebiet von Droß sei der 778-Einwohnergemeinde im Waldviertel die eigene NS-Geschichte nähergekommen, meint Gregor Kremser. "Wir haben, wenn schon keinen vollen, so doch einen achtenswerten Erfolg erzielt", sagte der Künstler nach der feierlichen Eröffnung des Severin Worel-Gedenkwanderwegs am vergangenen Samstag.

Der Droßer Gemeinderat hatte sich zeitlich knapp für ein Ja zu dem Projekt entschieden, das im Rahmen des Waldviertel-Festivals initiiert und mit Hilfe der Bundesforste umgesetzt wurde. Nur drei Tage vor der lang geplanten Erstbegehung des Gedenkpfads, der an ein Lager für ungarische jüdische Zwangsarbeiter in den Jahren 1944 und 1945 erinnern soll, kam das politische Okay. Früher – so Kremser – habe sich Bürgermeister Andreas Neuwirth (VP) nicht dazu durchringen können, die Bewilligung für das Aufstellen zweier Tafeln auf Gemeindegrund zu geben. Für den Standard war der Droßer Ortschef nicht erreichbar.

"Ich habe dutzende Mal mit Neuwirth gesprochen. Er legte sich nicht fest", schildert Kremser. Der Bürgermeister habe Angst gehabt, "dass das Projekt polarisiert". So wie jenes im nur zehn Kilometer entfernten Ort Hadersdorf, wo der Versuch, einen Gedenkweg für 61 in den letzten Kriegstagen erschossene politische Gefangene zu errichten, vergangenes Frühjahr in einem Fiasko endete. Die Projektbetreiber hatten die Namen der von lokalen Nazis und SS-Angehörigen Ermordeten mit Kreide auf das Pflaster vor dem Friedhof geschrieben. Darauf ließ Bürgermeister Bernd Toms (VP) die Feuerwehrjugend kommen und die Buchstaben mit Schläuchen wegspritzen. Manche Täter-Nachfahren leben heute noch im Ort.

Im Unterschied zu Hadersdorf gehe es in Droß nicht um Schuld und offene Rechnungen, betont Kremser. Alle 38 im Ort Internierten hätten die Nazizeit überlebt – nicht zuletzt, weil sich ihr Aufseher, der "Partieführer" und frühere Knecht Severin Worel, "korrekt" verhalten habe.

Zwangsarbeit im Wald

Worel brachte die Juden jeden Tag in den Wald, dort mussten sie harte Arbeit verrichten. Doch als eines Tages SS-Männer von der baldigen Erschießung der Gefangenen sprachen, stellte der Aufseher deren Arbeitskraft als "für den Führer unverzichtbar" dar, erzählte etwa der Zeitzeuge Moshe Weinberg dem Historiker Robert Streibel bei einem Interview in Israel 1997. Weinberg war als Elfjähriger nach Droß verschleppt worden. Mit seinen Eltern und seiner Tante musste er in einem Wirtschaftsgebäude nahe des Dorfwirtshauses leben. Das Gebäude steht heute noch, selbst eine von den Nazis auf die Vorderfront gemalte Parole ist in Ansätzen zu erkennen: "Der Feige nur verzagt".

Dieses Gebäude war der Ansatzpunkt für das lokale Aufarbeitungsprojekt gewesen. Den gegen Widerstände durchgesetzten Gedenkweg empfiehlt Kremser jetzt "auch Schulklassen zur Besichtigung". (Irene Brickner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.9.2006)