Foto: Suhrkamp
Der britische Physiker Paul Dirac ist eine eigenwillige Figur für einen Romanhelden. Er gehörte zu den Wegbereitern der Quantenmechanik, sein wesentlicher Beitrag für das Verständnis der Welt ist die Herleitung eines neuen Teilchens, des Positrons, aus einem mit negativer Energie gefüllten Raum, dem so genannten „Dirac-Meer“. 1933 wurde Dirac gemeinsam mit dem Österreicher Erwin Schrödinger mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet – „für die Entdeckung einer neuen, nützlichen Form der Atomtheorie“.

Dietmar Daths neuer Roman ist nicht nur nach dem Physiker benannt, er nimmt darin auch eine besondere Rolle ein. Das ist insofern noch nicht so ungewöhnlich, als Dath eine besondere Affinität zu Naturwissenschaftern hat: Bereits 2003 veröffentlichte er in der Anderen Bibliothek mit Höhenrausch. Die Mathematiker des 20. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen ein Buch, das sich mit Lebensgeschichten maßgeblicher Mathematiker befasste.

Wahrheitsfindung im Kapitalismus

War schon dieser Band kein gewöhnliches Sachbuch – biografische Elemente trafen darin auf fiktive Passagen –, so versteht sich Dirac (nach dem Briefroman Die salzweißen Augen das zweite Buch, das Dath im „Wichtigverlag für Wichtige von Wichtigen“, also Suhrkamp, veröffentlicht hat) als rein fiktives Werk. Im Nachwort stellt Dath denn auch klar, dass es ihm keineswegs darum ging, „Literatur aus Physik“ zu formen: „Diracs Wissenschaft ist in diesem Buch daher genau wie Nicoles angeblicher Irrsinn einfach das Medium, in dem diese beiden Menschen ihre jeweilige Haltung zu dem Problem der Wahrheitsfindung in kapitalistischen Gesellschaften verwirklichen.“

Normalität freilich bleibt die Fläche, von der Dath ausgeht – er benötigt sie auch,umdie möglichen Abweichungen davon zu markieren. Da wäre also eine Gruppe von Mittdreißigern, die alle aus der deutschen Provinz um Freiburg kommen: Paul, ehemals charismatischer Anführer einer Heavy-Metal-Clique, nunmehr damit beschäftigt, für ein ominöses Unternehmen eine Formel zu entwickeln; Johanna, Künstlerin in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die immer noch mit ihrer spießigen Familie hadert; Christoph, Psychiater, der an einer tödlichen Krankheit leidet, sowie David, Studienabbrecher, Journalist mit der Ambition, endlich ein Buch über Paul Dirac zu schreiben. Das macht ihn zu Daths Alter Ego, ist dieser doch auch Feuilletonredakteur der FAZ.

Projektionen

Davids Projekt beschert wiederum Daths Roman seine doppelte Erzählstruktur, die weniger selbstreflexiv intendiert ist, sondern gleich zwei kommunizierenden Gefäßen funktioniert: Die Gegenwart – samt Ausbrüchen in die wilde Jugendzeit der Protagonisten – wird mit jener der frühen 30er-Jahre parallelisiert, in der Physiker wie Dirac, Schrödinger oder Heisenberg ein vergleichbares Soziotop bildeten, wenngleich sie mit Dingen von größerer Tragweite beschäftigt waren. Da diese Episoden aus Davids Buch stammen, lassen sie sich genauso gut als Projektionen verstehen. Damals, als es noch um etwas ging.

Dirac wäre aber kein Buch von Dietmar Dath, wenn es sich mit diesem Splitting schon erübrigt hätte: Es gibt da eben noch Nicole, die exzentrische Freundin von Paul. Aufgrund ihrer psychischen Disposition wird sie stark von Affekten gelenkt. Gleich einer Autistin vermag sie sich vieles zu merken, ohne daraus Sinn abzuleiten. Der Stagnation ihrer Clique entspricht sie insofern nicht, als sie sich an denkbar ephemeren Dingen zu erfreuen weiß. Nicole wirkt dadurch inspirierend auf die anderen: Sie verkörpert eine Abweichung, die aus der Reserve lockt. Johanna wird eine Installation über sie und Paul anfertigen, Christoph seine Energie ganz ihrem Fall widmen, und David, für Verschwörungstheorien aufgeschlossen, nimmt ihre Fantasien ernst, wenn er der mysteriösen Frau vom Meer nachspürt, von der Nicole immer wieder Aufträge erhält. Für Paul dagegen verkörpert sie einfach die große Irrationalität der Liebe, aus der sich auch dann kein bürgerliches Glück formen lässt, als Nicole ein Kind von ihm bekommt.

Diese Formen von Sinnangeboten bleiben für die Figuren aber insgesamt zu wenig nachhaltig, weil sie am Status quo kaum etwas ändern. Der Orientierungslosigkeit seiner Generation, einer Krise, die sich vor allem im Verschwinden früherer Utopien ausdrückt, spürte Dath bereits in seinem Roman Für immer inHonig nach. Nun wird sie in einem Eindruck der Ungewissheit akut. „Die Welt, früher für uns ein Schlachtfeld des gerechten Krieges, wird zur Gelegenheit für Abstraktionstheater – dir wird sie zur Rechnung, mir zur Erzählung, Johanna zum Arrangement von Bildern.

Aber das ist sie alles nicht: die Welt ist die Welt des Menschen, in der man handelt.“, sagt David einmal. „Irreduzibel. Nicht auf Theorie zu bringen“, antwortet Paul. Dirac gibt den versprengten Lebensweisen seiner Helden eine entsprechend sprunghafte Form. Sie bringt das Chaos in den Köpfen trefflich zum Ausdruck, ohne sich von der Idee einer kosmischen Ordnung ganz zu entfernen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD Printausgabe, 16./17.09.2006)