Trotz immer lauter werdender Rufe nach alternativen Energien scheint Erdöl und Erdgas zumindest bis weit in das 21. Jahrhundert hinein die überragende Weltmarktstellung zu behalten. Die großen Erdöl- und Erdgasriesen tun alles, damit das so bleibt. Die enorm einflussreichen Ölkonzerne und Staatsmonopole wie die russische Gasprom sind es, die letztlich im Hintergrund die Politik entscheidend mitprägen. Europäische Stromversorger werden zum Beispiel abhängig von der Gazprom- Ostsee-Pipeline, deren Bau und Betrieb der deutsche Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder mitbestimmt. Gazprom ist für den russischen Präsidenten Putin ein treffliches Vehikel der mehr oder weniger indirekten ökonomisch- politischen Machtentfaltung, um zum Beispiel gegenüber angrenzenden Staaten wie der Ukraine, Georgien und nicht zuletzt gegenüber Westeuropa Druck auszuüben.

Der Nahostexperte Gerhard Konzelmann schildert in seinem neuen und brisanten Buch Öl und Gas – Im Netz der Konzerne detail- und facettenreich den Konflikt der Energieriesen im Kampf um globale Marktanteile. Der Autor erzählt die spannende Geschichte des Aufstiegs von Öl und Gas von den Anfängen der ersten Bohrung in Titusville / US-Bundesstaat Pennsylvania 1859 bis zurweltweiten Beherrschung des Weltmarktes im Zusammenhang mit der globalen Förderung, der Raffinierung und Vermarktung des „schwarzen Goldes“ aus der Erde durch internationalen Ölkonzerne wie Exxon- Mobil, Shell oder Aramco – um nur einige zu nennen.

Technisierung

Es ist aber auch eine Geschichte des Erdöls – von der ursprünglichen Verwendung als Einreibemittel zu gesundheitlichen Zwecken, dann als Lampenöl und Schmiermittel im aufkommenden Industriezeitalter unter anderem für Dampfloks und schließlich für das Automobil Henry Fords in den Anfangsjahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Letztendlich gelang der Siegeszug des Erdöls aufgrund der zunehmenden Technisierung in allen Bereichen bis hin zur Luft- und Raumfahrt, aber auch – und besonders – in der Rüstungsindustrie.

Die Geschichte von Öl und Gas ist auch mit großen Namen verbunden, die damit – trotz anfänglicher Startschwierigkeiten – bald große Geschäfte machten. So engagierten sich bis zum Ersten Weltkrieg Baron Alphonse de Rothschild, Besitzer eines Finanzimperiums, und Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, im Erdölgeschäft amKaspischen Meer. Die Russen profitierten vom Ölreichtum damals noch nicht. Das änderte sich abrupt mit der kommunistischen Revolution von 1918. Alfred Nobel ist es zu verdanken, dass die Ölfelder von Baku erschlossen wurden. Doch der Vorsprung der USA im Ölgeschäft war nicht aufzuholen. Hier sticht vor allem ein Name heraus: John D. Rockefeller. Ihm wird in seiner letzten Lebensphase nachgesagt, er habe unter anderem aus Profitgründen dafür gesorgt, dass die USA gegen Deutschland in den Ersten Weltkrieg eingetreten seien, so der Autor. Aber in noch viel gesteigertem Maße spielte die Frage des Besitzes von Erdöl im Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle.

Das US-Verteidigungsministerium rechnete im Vorfeld des Krieges damit, dass der Konflikt im Fernen Osten mit Japan unvermeidlich sei und Ölprodukte in großer Menge verschlingen werde.Saudi-Arabien sollte den Nachschub garantieren. Das Öl vom Persisch-Arabischen Golf stand in nicht zu großer Entfernung von den Schlachtfeldern zur Verfügung. Ähnliche militärstrategische Überlegungen dürften auch aktuell beim Atomkonflikt mit dem Iran eine nicht unwichtige Rolle spielen, sollte es zu einem US-Militärschlag gegen das Land kommen. Saudi-Arabien erhielt Priorität in der Liste kriegswichtiger Bauvorhaben. Die Königsfamilie Saud profitierte sofort vom Ölgeschäft und ließ die „Ungläubigen“ ins Land, wenn sie sich nur möglichst unauffällig gegenüber der strengislamischen wahhabitischen Bevölkerung verhielten. Hitler-Deutschland hingegen gelang es nicht, die Erdölfelder von Baku in Besitz zu nehmen, und verlor dadurch eine strategisch wichtige Rohstoffquelle.

Einfluss der Politik

Im 21. Jahrhundert sind neben den USA und Europa neue Staaten wie Russland, China und Indien sowie große Teile der islamischen Welt die neuen Teilnehmer am globalen Spiel der Öl- und Gasgiganten. Deren Wirtschaftsmacht hängt von den Erdgaslieferungen aus Zentralasien ab. Der Nahe, Mittlere und Ferne Osten werden durch Pipelines vernetzt. Stärker denn je nimmt die islamische Region Einfluss auf das internationale Ölgeschäft – allen voran der Iran, der aktuell den eigenen Ölreichtum als Waffe im laufenden Atomkonfliktmit der UNO einsetzt.

Das aufschlussreiche Buch Konzelmanns beschreibt auch Aufstieg und Macht der Opec (der Organisation Erdöl produzierender Staaten). Bei einer Opec-Ministerratstagung in diesem Jahr stellte Ali al Naimi, der saudische Ölminister fest: „Wir waren eine politische Organisation, aber nun sind wir eine Vereinigung, die auf das Geschäftliche orientiert ist, ohne wirklich etwas bewirken zu können.“ Die Opec habe deshalb keinen Einfluss mehr auf den Barrelpreis, weil dieser auf Mengenmanipulation nicht mehr reagiert. Der Markt bestimmt den Preis – und der Marktwird vom politischen Geschehen in Krisengebieten beeinflusst, so Ali al Naimi. Die Politik wird wiederum mehr oder weniger direkt von den Großen des globalen Ölund Gasgeschäfts im Hintergrund geprägt. – So etwa ist globale Macht und Politik auch im 21. Jahrhundert verteilt. (Wolfgang Taus, DER STANDARD Printausgabe, 16./17.09.2006)