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Das digitale Wohnzimmer, endlose Weiten. So ähnlich versuchen PC-Hersteller und Unterhaltungselektroniker ihre Visionen digitaler Unterhaltungstechnik zu verkaufen - jeder Film, der je gemacht wurde, jede Platte, die je existierte, immer verfügbar, damit wir uns unser Wunschprogramm selbst stricken können.

Am Boden der Tatsachen

Die Realität ist natürlich ein wachsender Haufen an Geräten, Fernbedienungen und CD-, Videokassetten- und DVD-Sammlungen. Der Musikkonsum ist zwar im Umbruch, Alben werden online gekauft, auf iPods und andern MP3-Playern angehört - aber so richtig ins Wohnzimmer integriert ist digitale Musik noch lange nicht. Und jetzt kommen Filme zum Download: Ist das "digitale Wohnzimmer" doch schon in Reichweite?

Stöbern

Donnerstagvormittag habe ich bei Apples neuem Filmangebot im iTunes Store meinen ersten Film heruntergeladen, "Pirates of the Caribbean". Zuerst die gute Nachricht: Online-Einkaufen ist unterhaltsam ("Filmplakate" zum Stöbern, Filmtrailer zum Anschauen, Filmbesprechungen zum Lesen), so einfach wie Musikdownloads und funktioniert auf PCs und Macs gleichermaßen reibungslos. Die Wiedergabe am Notebook oder am angeschlossenen TV-Schirm entspricht im wesentlichen der Qualität, die wir von DVD gewohnt sind, jedenfalls besser als ein TV-Film, und auf jeden Fall mit großem Sound. Apple hat es geschafft, den Vorgang kulinarisch, logisch und einfach zu gestalten; aber das ist keine Überraschung, denn das ist seit einem Jahr bereits für TV-Serien gut gelöst, die schließlich auch Filme sind.

Kehrseite

Jetzt die schlechte Nachricht: Um den Film im Wohnzimmer anzuschauen musste ich ihn mitsamt dem Notebook dorthin bringen und dann Notebook und TV verkabeln. Alternativ kann man im Wohnzimmer einen eigenen PC/Mac unterhalten, aber wer will das schon. Man muss eine Hintertür zu Apples iTunes Store finden, denn Filme und TV-Serien werden derzeit nur an US-Kunden verkauft; mithilfe einer Prepaid-Karte, die man sich von Freunden aus den USA mitbringen lässt, kann man auch als Ösi ein Ami werden. Um 9,99 Dollar (7,90 Euro) - allerdings: ich kann den Film nicht an Freunde verborgen, was ihn gleich wieder teurer erscheinen lässt. Es gibt nur eine englische Version und keine Extras wie auf DVDs, bei einstweilen sehr kleiner Auswahl. Und der Download über eine schnelle Verbindung dauerte über eine Stunde.

In den Kinderschuhen

Apple hat die Aufgabe, im Vergleich zu Angeboten wie das neue Amazon Unbox , gut und attraktiv gelöst. Die Verbindung mit Video-iPods ist denkbar einfach, und auf langen Reisen oder in einsamen Hotelzimmern ist dies eine nette Art sich zu unterhalten. Aber das ist bestenfalls ein Start und taugt vor allem für Konsumenten, die gerne Neues ausprobieren wollen und neue Technik auch "Medium Rare" bereits genießen - die "Early Adaptors". Möglich, dass die für Frühjahr angekündigte Box fürs Wohnzimmer, die den PC/Mac drahtlos mit dem TV-Schirm verbindet und ihn durch eine einfache Menüsteuerung via TV-Gerät zugänglich macht, hier einen echten Durchbruch für den Massenmarkt bringt. (Helmut Spudich, derStandard/Printausgabe 16.9.2006)