Budapest - Die größte ungarische Oppositionspartei Fidesz hat ein Gesprächsangebot des sozialistischen Premiers Ferenc Gyurcsany abgelehnt. "Fidesz betrachtet Gyurcsany als 'persona non grata' in der ungarischen Politik. Er selbst ist das Problem", sagte ein Sprecher der konservativen Partei des früheren Premiers Viktor Orban am Donnerstag in Budapest.

Gyurcsany hatte zuvor die Chefs aller Parlamentsfraktionen zu einem Gespräch über die seit Tagen anhaltenden regierungsfeindlichen Demonstrationen eingeladen. Nach zwei Krawallnächten zeigte sich die Polizei besser auf die Proteste vorbereitet. Dennoch gab es auch in der Nacht auf Donnerstag wieder mehrere Verletzte und zahlreiche Festnahmen.

Auch Christdemokraten lehnen ab

In dem Gespräch sollte es nach Angaben einer Regierungssprecherin um die "politische Situation, die Erfahrungen und die Ereignisse, die vor uns liegen" gehen. Neben Fidesz wiesen auch die Christdemokraten das Gesprächsangebot Gyurcsanys zurück. Allein das kleine Demokratenforum (MDF) akzeptierte. Die Hauptsache sei jetzt, dass die Ordnung wiederhergestellt werde, sagte einer ihrer Anführer. Damit wollten an dem Treffen am Nachmittag drei der fünf im Parlament vertretenen Parteien teilnehmen: Gyurcsanys Sozialisten, ihr liberaler Koalitionspartner und das Demokratenforum.

Fidesz sagte unterdessen eine für diesen Samstag in Budapest geplante Wahlkampfkundgebung ab. Erst nach den Kommunalwahlen am 1. Oktober wolle die Partei eine Massenkundgebung veranstalten, teilte ein Fidesz-Vorstandsmitglied mit. Zuvor hatten die Sozialisten und der liberale Budapester Bürgermeister Gabor Demszky die Partei aufgefordert, die Wahlkampfveranstaltung angesichts der Stimmung in Budapest nach den Ausschreitungen der vergangenen Tage abzusagen.

Die Welle der Gewalt in Budapest schade dem Ansehen Ungarns sehr, betonte unterdessen Außenministerin Kinga Göncz, die zur Sitzung der UNO-Vollversammlung nach New York reiste. In Washington erklärte sie vor Journalisten, dass die Ereignisse in Budapest nicht offiziell angeschnitten worden seien. Informell habe es jedoch eine Anfrage gegeben, welchen Einfluss die Gewaltwelle auf die Veranstaltungen anlässlich des 50. Jahrestages der Revolution von 1956 hätten. Zu diesem Anlass werden mehr als 70 ausländische Staatsgäste in Budapest erwartet. Wenn die Ausschreitungen nicht in wenigen Tagen beendet würden, würde vielerorts die Reise nach Ungarn in Frage gestellt, so Göncz.

Wie in den Vortagen hatten sich auch am Mittwochabend rund 15.000 Menschen vor dem Parlamentsgebäude in Budapest versammelt, um den Rücktritt Gyurcsanys zu fordern. Die Demonstration löste sich in den frühen Morgenstunden friedlich auf. Nach der Kundgebung gab es allerdings Zusammenstöße zwischen der Polizei und 200 bis 300 gewaltbereiten Jugendlichen, unter ihnen Skinheads. Sie warfen mit Steinen auf Polizeibeamte; diese setzten Tränengas ein. 16 Menschen wurden verletzt, zwei von ihnen schwer, wie ein Sprecher der Rettungsdienste sagte. 62 Randalierer wurden festgenommen, womit sich die Zahl der bisher bei den Protesten Festgenommenen auf mehr als 200 erhöhte.

Einer der Organisatoren der Kundgebungen, Christian Hajdu, verurteilte die Gewalt. Er warf einer "Minderheit von Nationalisten" vor, die Demonstrationen auszunützen, um von sich zu reden zu machen. Die Kritiker Gyurcsanys wollen nach seinen Angaben bis zum 29. September ihre Proteste auf dem Platz vor dem Parlament fortsetzen.

Auf der Website des Budapester Polizeipräsidiums wurden Fotos von Personen veröffentlicht, nach denen die Polizei fahndet. Sie werden dem harten Kern der Radalierer zugerechnet, die sich gut organisierte Straßenschlachten mit den Ordnungskräften lieferten. Es soll sich um Fußballhooligans und Kriminelle handeln, die von Anführern im Hintergrund Anweisungen bekommen.

Nach Medienberichten vom Donnerstag konnte das Amt für Nationale Sicherheit mittels Lauschangriff und Kontrolle des SMS- und Internet-Verkehrs eine komplette "Landkarte" der Kontakte der Randalierer zeichnen. Es soll sich um eine gut organisierte Gruppe mit 300 bis 400 Mitgliedern handeln, die sich "weitsichtig und bewusst auf die Verwüstung und den Kampf mit der Polizei vorbereiten". Sie würden genau festlegen, "wo sie die Front eröffnen, mit welchen Mitteln sie eintreffen, wann es einen Rückzug geben muss".

Zu den Krawallen im Gefolge friedlicher Massendemonstrationen war es gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass Gyurcsany intern eingestanden hatte, seine Landsleute belogen zu haben, um die Parlamentswahl im April zu gewinnen. (APA/dpa)