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Picassos erotisch aufgeladenes Spätwerk ist ein echter Blickfang: "Venus und Amor", 13. Dezember 1968.

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Werner Spies, Exdirektor des Centre Pompidou und Kurator der Picasso-Ausstellung in der Albertina versucht auf 1.700 Quadratmetern, das geschmähtes Spätwerk des Meisters in ein neues Licht zu rücken.


Wien – "Die Rückkehr der Malerei ist nichts anderes als die Konsequenz aus der verstärkten Rezeption von Picassos Spätwerk." Mit dieser wahrlich monumentalen These kündigte Werner Spies, Picasso-Spezialist und ehemaliger Direktor des Pariser Pompidou im März die erste große österreichische Schau eines der maßgeblichsten Künstler des 20. Jahrhunderts an.

Nun ist es also endlich so weit: Räumlich großzügig ausgebreitet — auf zwei Ebenen und 1700 Quadratmetern der Albertina — präsentieren sich rund 200 späte Werke des Meisters. Werke aus einer Lebensphase Picassos in der er mit seiner mehr als 40 Jahre jüngeren, vierten und letzten Frau Jaqueline, zurückgezogen von der Welt, im südfranzösischen Mougins lebte. Künstlerisch getrieben und angestachelt von der panischen Angst vor einem sich allmählich näherndem Tod: Malen gegen die Zeit nannte er das. Und stellte bisweilen Sanduhren auf, um vor den verrieselnden Körnchen leise aber streng seine Produktionszeiten zu limitieren.

Rasch wurde klar, dass für die Vielzahl der Arbeiten das Fassungsvermögen der ursprünglich allein vorgesehenen Albertina-Halle im ersten Stock sprengen würde. Die Bilder brauchen Luft, erklärt Hausherr Klaus Albrecht Schröder. Das liege aber nicht an den Formaten, sondern an den nach Raum verlangenden Motiven. Aber für Picasso schafft man gerne Platz: Die Pläne für die Erweiterung der neuen, von den Kunstmäzenen Jeanne & Donald Kahn finanzierten Ausstellungfläche mussten dafür allerdings etwas beschleunigt werden. "Fragen Sie nicht, was mein Kollege Armin Zweite in Düsseldorf gerade macht", sorgt sich Schröder um den Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, wo Picasso im Februar die nächste Station macht: "Er hat nur etwas mehr als die Hälfte unserer Fläche zur Verfügung."

In der Albertina aber kann man nun an großzügig Gehängtem vorbeiflanieren und sich daran erinnern, welche Schmach Picasso erdulden musste: "Schmierereien eines impotenten Greises im Vorzimmer des Todes", donnerte Weggefährte Douglas Cooper. Zu einer Zeit, in der Frankreich von der späten Rezeption Marcel Duchamps geprägt war, konnte man mit den Malereien eines "Tattergreises", der "den Zeichenstift nicht mehr ruhig führen kann", nichts mehr anfangen.

Schoß und Brüste

Genauso revolutionär wie seine "Demoiselles d'Avignon" (1907), urteilt hingegen Kurator Spies. Die Vorwürfe will er, der Picasso in dieser letzten Werkphase perönlich kennen lernte, so nicht stehen lassen. Zur Entkräftung stellt er in Wien den groben, durch einen emphatischen Pinselstrich gekennzeichneten Gemälden, das explosionsartig angewachsene grafische Werk jener Zeit gegenüber und beweist: Picasso konnte tatsächlich noch seinen "Pinsel" halten. Präzise gesetzte Striche, die sich in den mehrfach überarbeiteten Motiven der Druckgrafikserien ornamental verdichten.

Thematisch aber kreist Picasso fast nur noch um ein Thema: Der weibliche Körper — und ganz besonders Schoß und Brüste — werden zum obsessiven, mit Spiralen und Ausrufezeichen markierten Mittelpunkt seiner Bilder. Ein wahrlich Getriebener — auch im sexuellem Sinne. Im Unterschied zu den Gemälden verbreiten seine Grafiken pornographische Energie. Spielt man mit dem 300-Seiten-Katalog Daumenkino, springen einen die ornamental verzierten Brüste regelrecht an. Das hätte Picasso Freude bereitet...

Die explizite Sexualität und Erotik geht Hand in Hand mit der von ihm dargestellten Welt des Zirkus, den Mantel- und Degenkomödien oder den Bordellszenen. Zeitlich fühlt man sich zurückversetzt in das Paris der 20er-Jahre, und auch Picasso scheint mehr in einem Bilderfundus seiner Erinnerungen zu kramen als in der Gegenwart zu verweilen. Eine Beobachtung, die auch die Paraphrasen auf Manets "Frühstück im Grünen" oder variierte Antikendarstellungen unterstreichen.

Für Spies kommt die Ausstellung seinem Ideal einer Picasso-Ausstellung sehr nahe. Verzichten musste er, dank guter Kontakte zu Leihgebern und Picassos Familie, auf nichts. Eine Leihgabe ("Drei Figuren", 1971) aus Bern war aber doch schwer zu bekommen. Bedingung war, dass Spies ein Katalogvorwort schreibt und einen Vortrag hält. "Aber dafür lass ich mich wirklich gerne erpressen".

Wie auch schon im März wiederholte Spies die These von Picasso als dem "zeitgenössischsten Maler seiner Zeit". - Zeitgenössisch? Ein Maler, der sich seit 1961 regelrecht auf seinem Landsitz in Mougins einmauerte? Der sich in sich selbst zurückzog und nichts anderes mehr machte als manisch Bilder zu produzieren? Der sich auf nicht vielmehr als das Motiv des Sexuellen reduzierte und einen Bilderkosmos ausbreitete, der so rückbezüglich wirkt als würde er in alten Tagebüchern blättern? So ein Maler, ohne Picassos Genie und die beeindruckende Expressivität und Fülle seines Spätwerks in Zweifel zu ziehen, kann doch nicht zeitgenössisch sein. Er schafft vielmehr außerhalb der Zeit. Und das vermögen selbst aufgestellte Sanduhren, nicht zu ändern. (Anne Katrin Feßler /DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2006)