Sylvester Levay (li.) und Michael Kunze sind keine echten Broadway-Fans: "Die Amerikaner haben ein Problem, sie glauben, das Musical erfunden zu haben."

Foto: STANDARD / Regine Hendrich
Wien - Jedem Intendanten der vereinigten Bühnen ein erfolgreiches Musical. Das scheint die Intention von Komponist Sylvester Levay und Autor Michael Kunze, die seit nahezu dreißig Jahren zusammenarbeiten. Peter Weck bekam Elisabeth , das mit weltweit über acht Millionen Zusehern das erfolgreichste deutschsprachige Musical überhaupt ist; Rudi Klausnitzer wurde ein Erfolg mit Mozart! vergönnt. Und Kathrin Zechner kann ihre Erwartungen nun in Rebecca setzen, das am Donnerstag im Raimundtheater uraufgeführt wird.

Nach dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier erdacht, passt Rebecca als fiktive Figur dennoch gut zu den historischen Personen Mozart und Elisabeth, relativiert Kunze neue Orientierungsansätze. Schließlich ginge es wieder um Emanzipation, "das Wachsen einer Person - der Mensch ändert sich ja nicht, das sind nur verschiedene Kostüme, die man diesem Thema anzieht."

Dennoch, es geht hier ein wenig düsterer zu: Eine junge Gesellschafterin ehelicht einen britischen Adeligen, dessen erste Frau und Titelfigur einst bei einem Bootsunfall ertrank und doch immer noch über dem Anwesen schwebt und dessen Bewohner dominiert. Alfred Hitchcock verfilmte - etwas humorisiert - die Geschichte 1940, später drehte er nach einer Kurzgeschichte von du Maurier seinen Horrorklassiker Die Vögel.

Rebecca ist wieder ein Dramamusical, ein Begriff, der Autor Kunze als Gestalter des europäischen Musicals wichtig ist, um sich von den Komödien am Broadway abzugrenzen. Was er und Levay da im Doppel produzieren, seien Stücke, die musikalisch dramatisiert werden und nicht "mit Handlung unterlegte" Revuen, wie das sonst üblich sei. "Die Amerikaner haben ein Problem", meint Kunze, ob des mäßigen Erfolges der Broadwayadaption seines Musicals Tanz der Vampire, das dort "jeglichen Charme" verloren habe, immer noch enttäuscht. "Sie glauben, das Musical erfunden zu haben". Also suchten Kunze und Levay andere Vorbilder, ziehen ihre "Kraft aus etwas Älterem", nämlich der Operette. "Die Amerikaner massakrieren das Kind, wenn sie es adoptieren", indem sie es rüpelhaft zurechtstutzen.

Jetzt sei also die große Zeit des "europäischen, unterhaltenden Musiktheaters", so Kunze. Beide wähnen sich dabei am Anfang einer Phase, die "in vielleicht 80 Jahren als eigene Epoche des Musiktheaters gesehen wird". Zugegeben seien sie da momentan auch relativ "konkurrenzlos", denn, so Kunze: "Die Operette ist tot, und die Oper ist avantgardistisch - was da heute geschrieben wird ist atonal."

"Keine Klischeearbeit"

Und doch wäre da dieses ungeheuer große Bedürfnis nach Musiktheater, das Levay befriedigen will: "Wir machen keine Klischeearbeit, wir fordern unsere Zuschauer immer wieder heraus." Und bei so einem breiten Publikum gäbe es da die Chance, dass es "in Zukunft allgemein anspruchsvoller wird". Dass eine solche Wandlung durch das Musical anzweifelbar ist, und es gerade in Wien durchaus strenge Kritiken von "krassen Kritikern" zu seinen bisherigen Produktionen gab, bringt Levay davon keineswegs ab. "Da haben sie sich geirrt, die Kritiker - die haben nur oberflächlich hineingeschaut."

Dem schlechten Musicalruf förderlich sind indes jene, die meinen, man könne eben so ohne Weiteres rasch ein Stück konstruieren. Der Erfolg der Branche, erläutert Levay, habe viele ermutigt, "zu denken, sie können das auch. Dass das dann schief geht, zeugt davon, dass die Arbeit nicht ernst genug genommen wird." Das habe letztlich "der Musicalbühne sehr geschadet".

Man könne sich ja, wendet sich auch Kunze wieder dem Gespräch zu, "auch nicht eine Beethoven-Symphonie anhören und dann sagen, das hat mir gefallen, jetzt schreibe ich auch so was". Daher wohl auch die letzten großen Flops am Raimundtheater, etwa Barbarella, bei dem Ex-Intendant Rudi Klausnitzer für die Texte verantwortlich war. Dem könne er jetzt nicht widersprechen, weicht Kunze aus, "es erfordert eben ein gewisses Know-how, und wer das nicht beherrscht, kann eben kein Musical schreiben, auch wenn er denkt, das ist ganz einfach." (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2006)