Hanno Wollmann ist seit 1998 Partner bei Schönherr RA.

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Der Markt für Wirtschaftsjuristen verengt sich zunehmends. Hanno Wollmann von der Sozietät Schönherr Rechtsanwälte, EU-, Kartell- und Vertriebsrechts-Experte, ist auf Partnerebene mit Recruiting-Fragen betraut und sprach mit Heidi Aichinger.

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STANDARD: Können Sie mir eine persönliche Einschätzung des aktuellen Bewerbermarktes im Bereich der Wirtschaftsjuristerei geben?

Wollmann: Ich bin als Partner mit Recruiting-Fragen betraut - für genaue Zahlen und Überblicke zum Markt allgemein möchte ich Sie auf unsere HR-Abteilung verweisen (siehe unten links). Ganz grundsätzlich aber rekrutieren wir selbst ausschließlich unter Wirtschaftsjuristen, und hier vor allem im "High-End-Bereich", also unter den so genannten High Potentials. Hier stellen wir fest, dass die Zahl der wirklich hoch qualifizierten Bewerber zurückgeht.

STANDARD: Wie viele sind das in Zahlen?

Wollmann: Das sind meiner Einschätzung nach zwischen 50 und 60 pro Jahr, die für unsere Sozietät infrage kommen. Dies auch, wenn das Angebot an allgemein und gut ausgebildeten Juristen quantitativ zunimmt.

STANDARD: Wie viele Bewerber nehmen Sie im Jahr auf?

Wollmann: Aus dem oben genannten Pool - schätze ich - nehmen wir im Jahr zehn bis 15 Leute auf. Es ist ein sehr enger Markt. Zudem kommt, dass die Tätigkeit in einer Wirtschaftskanzlei sehr anspruchsvoll ist.

STANDARD: Wie gut sind die Bewerber denn qualifiziert?

Wollmann: Wir rekrutieren in zwei, drei größeren Bereichen. Zum einen Kollegen, die sich bereits in ihrer Ausbildung spezialisiert haben - dabei machen wir aber keine "Natural Hires", also wir werben nicht von anderen Kanzleien ab. Diese Spezialisierung kann ein Postgraduate-Ausbildung sein, etwa ein Zusatzstudium im Ausland.

Zum anderen suchen wir auch Kollegen, die etwa an einer österreichischen Universität gearbeitet haben, z. B. als Assistent oder einschlägige Stellen an öffentlichen Stellen wie etwa der Übernahmekommission besetzt haben. Und nicht zuletzt suchen wir auch exzellente Kollegen ohne spezielle Zusatzqualifikation.

STANDARD: Wie stoßen Sie auf Kandidaten dieser Qualität?

Wollmann: Wir setzen dafür ein Programm ein, in dessen Rahmen wir während der Sommermonate Kollegen, die gerade den Magister gemacht haben oder unmittelbar davorstehen, für vier Wochen zu uns einladen. Dort arbeiten sie in drei bis vier Abteilungen und werden bei uns am Fall ausgebildet.

STANDARD: Wie viele sind das?

Wollmann: Das sind in der Regel sechs bis acht Kollegen. Wir selektieren diese Leute in einem professionellen Assessment-Center-Prozess. Dabei haben die Kollegen die Möglichkeit, uns kennen zu lernen, und umgekehrt.

Standard: Welche Ausbildung wäre für Ihren Bereich des Kartell- und Wettbewerbsrechts denn unschlagbar?

Wollmann: In meinem Bereich ist ein Doppelstudium mit Jus und Wirtschaft hervorragend - das geht ja schon in Richtung Zusatzausbildung. Und wichtig ist das Auftreten.

STANDARD: Die Persönlichkeit also ...

Wollmann: Ich rekrutiere - wie gesagt - im High End unter den High Potentials. Aber das müssen engagierte Leute sein, spritzige. Keine, die ihren Job administrieren. Ich habe einen Junior-Partner, der fünffacher Staatsmeister im Laser-Segeln ist - das wäre etwa eine Variante. Alle, die Interesse zeigen und eine farbige Persönlichkeit haben, sind auch für uns interessant.

Standard: Und in Sachen postgradualer Zusatzqualifikation, welche Abschlüsse würden Sie da überzeugen?

Wollmann: Wenn wer etwa ein LL.M. vorweisen kann, dann zeigt das unter anderem auch, dass er oder sie im Ausland war, dort studiert hat, über entsprechende Sprachkenntnisse verfügt. Überhaupt ist Internationalität vorrangig, danach kommt die Auslandserfahrung, und drittens sind es die Kontakte.

Die Hitliste in meinem Tätigkeitsfeld wäre die London School of Economics, Queen Mary und das King's College. Sehr gut sind natürlich auch Cambridge und Oxford - die sind nicht wirklich wirtschaftsnahe, aber einfach gute Universitäten. In den USA fallen mir die NYU und die Columbia ein. Die bieten allesamt Top-Postgraduate-Programme mit dem richtigen Sprachhintergrund. Englisch als Arbeitssprache ist zu 90 Prozent unverzichtbar.

Standard: Wie viele Ihrer Bewerber haben so eine Top-Ausbildung?

Wollmann: Also von den 50 bis 60, die wir zuvor genannt haben, sind da sicherlich 20 darunter. Wenngleich es immer unterschiedliche Wege der Qualifikation gibt. (DER STANDARD Printausgabe, 7./8. Oktober 2006)