Wem gehört 1956 – der Aufstand, die Revolution und der nationale Freiheitskampf? Niemand, keine einzige Gruppe kann und darf sich das Andenken an 1956 zu Eigen machen, niemand darf es monopolisieren. Ohne die Reformer im Apparat, ohne die zur Wiedergutmachung entschlossenen kommunistischen Intellektuellen wäre ein schneller Zusammenbruch der Staatspartei unter dem Druck des Volksaufstandes von vornherein unvorstellbar gewesen. Doch die Speerspitze waren vor allem die "Pester Jungen", die bewaffneten jungen Arbeiter und Lehrlinge, Soldaten und Schüler. Auch die Träger des Widerstandes nach der Invasion waren Arbeiterräte, gewählte Vertreter der Arbeiterklasse.

Der Ungarn-Aufstand begann am 23. Oktober 1956, an einem strahlend schönen Herbsttag in Budapest als ein politisches Naturereignis ohne Zentrum, ohne Vorbereitungen und ohne koordinierte Führung. Niemand von uns dachte, dass der 23. Oktober, dieser Tag der eruptiven Empörung, einmal als weltgeschichtliches Ereignis wahrgenommen und dokumentiert wird. Die Revolution begann mit zwei mächtigen Demonstrationszügen der Studenten. Sie demonstrierten für die Reformer in Polen, die darangegangen waren, einen eigenen Weg zum Sozialismus einzuschlagen. In einigen Stunden erlebten sie samt den Passanten, die sich den mächtigen Protestzügen angeschlossen hatten, jenes Elementarereignis, das an diesem Tag den Weg zu einem revolutionären Prozess, dramatisch und blutig in seinem Ablauf und oft ohne ersichtliche Logik, in Ungarn frei gemacht hat.

Heuchlerische US-Diplomatie

Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Vorgänge war der aus Ungarn stammende amerikanische Journalist Leslie B. Bain. Er schrieb 1960 in seinem Buch: "Über kein Ereignis hat man in der jüngsten Geschichte so viel gelogen, kein Ereignis hat man so verdreht und besudelt wie die ungarische Revolution." Die inzwischen bekannt gewordenen Dokumente aus den Geheimarchiven in Moskau und Washington, Belgrad und Budapest bestätigen auch sein vernichtendes Urteil über die heuchlerische und zugleich dilettantische US-Diplomatie sowie über die im Ton aufrührerischen und die jungen Freiheitskämpfer letzten Endes irreführenden Kurzwellensendungen des US-Senders, Radio Freies Europa aus München.

Imre Nagy, der herzleidende 60-jährige Hoffnungsträger der Studenten und der Massen, der 1953 den Reformkurs eingeleitet hatte, aber bereits Anfang 1955 wegen seiner „weichen Linie“ von den Sowjets degradiert wurde, hielt sich streng an die Parteidisziplin und wollte – ebenso wie alle anderen Reformer jener Zeit – die Korrektur des Systems und nicht seine Abschaffung. Die Belagerung und Eroberung des Rundfunkhauses durch die jungen Aufständischen, die in den Abendstunden vollzogene Zerstückelung des gigantischen Stalin-Denkmals waren unmissverständliche Anzeichen für die in Permanenz tagende unsichere und gespaltene kommunistische Führung Ungarns: der Aufruhr der Studenten begann in einen Aufstand überzugehen.

Die fast 900.000 Mitglieder starke KP erwies sich nur als ein Koloss auf tönernen Füßen. Die sowjetische Führung war alarmiert. Die Intervention der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen verwandelte jedoch den Aufstand in einen nationalen Freiheitskampf. Imre Nagy wurde zwar noch in der Nacht auf den 24. Oktober zum Ministerpräsidenten bestellt, doch blieb er zunächst ein Gefangener seiner Vergangenheit und seiner Partei. In 120 Stunden zerfiel das kommunistische Regime. Am 28.Oktober erkennt Nagy den Aufstand als national-demokratische Revolution an und am 30. Oktober, kündigt Nagy in einer kurzen Rundfunkrede das Ende des Einparteiensystems und die Rückkehr zur Regierung der vier 1945 angetretenen Koalitionsparteien an.

Der scheinbare Sieg der spontanen Volkserhebung entpuppte sich bald als der Auftakt zur endgültigen Abrechnung mit den rebellischen Ungarn durch die alarmierten Sowjets. Die von manchen Beobachtern vertretene These, dass der Volksaufstand keine Revolution gewesen sei, denn sie habe keine neue politische Ordnung und keinen radikalen Umbau der wirtschaftlich-sozialen Struktur schaffen können, geht deshalb ins Leere, weil die bereits erfolgreiche revolutionäre Bewegung nur durch eine militärische Intervention von außen niedergeschlagen werden konnte.

Das Ende war schrecklich. Nach der zweiten massiven sowjetischen Intervention in den Morgenstunden des 4. November zählte man auf ungarischer Seite zweieinhalbtausend Tote und fast 20 000 Verwundete. Der Preis für die „Normalisierung“ war auch für die Sowjets hoch: 699 sowjetische Soldaten waren tot,1540 verletzt. Die Rache der Sieger von Chruschtschows Gnaden war grausam und dauerte mehrere Jahre: 229 Menschen wurden wegen ihrer Beteiligung an der Revolution hingerichtet. Insgesamt verhaftete man rund 26 000 Personen. Der nach Rumänien verschleppte Imre Nagy wurde mit seinen engsten Mitarbeitern bei einem Budapester Geheimprozess zum Tode verurteilt und am 16. Juni 1958 hingerichtet. Die Erinnerung daran, wie der Westen nach der Niederschlagung der Revolution das kleine Land seinem Schicksal überlassen hatte, bestimmte den Seelenzustand der geschlagenen Nation. Die unbarmherzige Zerschlagung der Opposition, sowjetische Rückendeckung, handfeste materielle Konzessionen und nicht zuletzt die „gesamtnationale Verdrängung“ (so der 1959 zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilte Psychologe Ferenc Merei) haben den Boden für die drei Jahrzehnte der Kadar-Ära der kleinen Freiheiten bereitet.

Die jüngsten Unruhen in Budapest nach dem „Lügenskandal“ um den Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány und infolge der offenen Kampfansage durch den Oppositionsführer Viktor Orban haben hier und dort, und vor allem in Kreisen der extrem rechten Gruppen Fragen über Parallele zu den Ereignissen im Oktober-November 1956 ausgelöst. Nach meiner Meinung sind solche Vergleiche in einem freien demokratischen und unabhängigen Land, dem NATO- und EU-Mitglied Ungarn mit der einstigen Diktatur der roten Kolonialmacht eine Blasphemie, die Verhöhnung einer heiligen Sache.

Die unerwartete Revolution war die wohl größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa- und zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für den Bankrott des Sozialismus sowjetischer Prägung. Sie war eine "siegreiche Niederlage", eine authentische "antitotalitäre" Revolution und vor allem ein unvergängliches Kapitel aus der Geschichte des menschlichen Mutes. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)