Cartoon: Oliver Schopf
Der Anleger ist ein Herdentier, und das wird ihm oft zum Verhängnis. Wer der Masse folgt, wird leicht Opfer einer Blase. Aber auch antizyklische Strategien sind schwierig – so wie jeder Versuch, den richtigen Zeitpunkt zum Kauf und Verkauf zu erwischen.

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Jemand soll endlich die Glocke erfinden, die läutet, wenn ein Markt oder auch nur ein Einzelkurs ganz oben oder unten angekommen ist. Denn das Schwierigste beim Investieren ist nicht die Produktauswahl oder das Erkennen grundlegender Trends, sondern den richtigen Zeitpunkt für Ein- und Ausstieg zu erwischen. Deshalb empfehlen kluge Berater ihren Kunden, das Wellenreiten erst gar nicht zu versuchen, sondern eine langfristige Strategie zu wählen und diese in guten wie in schlechten Zeiten durchzuhalten.

Rechnung ohne Wirt

Doch diese Rechnung wird meist ohne den Wirt gemacht. Der typische Anleger kann der Versuchung doch nicht widerstehen, aufgrund von Zeitungsartikeln, Tipps oder auch nur eines Bauchgefühls Kauf- oder Verkaufsentscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist, dass man zu teuer kauft und zu billig verkauft – also das Gegenteil von dem, was man anstrebt.

"Der Grundfehler vieler Anleger ist, dass sie in schlechten Zeiten in Panik verkaufen und dann warten, bis sich die Börse wieder nachhaltig erholt hat", sagt Wolfgang Prasser, der Österreich-Geschäftsführer des Finanzdienstleisters AWD. "Doch das ist viel zu spät: Man steigt erst wieder ein, wenn man den Anstieg bereits versäumt hat. Der Versuch, zum richtigen Zeitpunkt ein- und auszusteigen, kann nicht funktionieren."

Dieses Verhaltensmuster lässt sich psychologisch sehr leicht erklären. Schließlich treffen Menschen ihre Entscheidungen nicht im luftleeren Raum, sondern richten sich nach dem, was sie hören und lesen. Genauso geht es Millionen anderen Menschen, die dann das Gleiche tun. Sie kaufen Internetaktien, Rohstoffwerte oder was immer gerade empfohlen wird. Die Herde setzt sich in Bewegung.

Fahrender Zug

Die Idee dahinter mag ja richtig sein, doch im Finanzmarkt erzeugt das Herdenverhalten einen paradoxen Effekt. Zuerst lässt die wachsende Nachfrage die Preise steigen und bringt jenen, die von Anfang an dabei sind, große Gewinne. Das erweckt die Gier der anderen, die nun auf den fahrenden Zug aufspringen – so lange, bis die Kurse jeden Bezug zur Realität verloren haben. Das war bei Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert genauso wie bei Internetaktien in den Neunzigerjahren.

Stets sind dann die Experten zur Stelle, die erklären, warum traditionelle Bewertungsmethoden nicht mehr gelten. Doch immer noch ist jede Blase in der Geschichte geplatzt, denn wenn die ersten Anleger Kasse machen und die Kurse erst einmal nachgeben, dann macht die Gier der Angst Platz. Der Crash ist dann unvermeidlich.

"Wir können Informationen über Massenphänomene nur dann haben, wenn die Masse bereits da war", sagt Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien. "Die Informationen, die wir sammeln, sind oft schon überholt." Das gilt vor allem für die Medien: Wenn Zeitungen und Magazine einen Boom entdecken, dann ist dieser üblicherweise bereits gelaufen.

Doch selbst wer die Gefahr von Blasen kennt, tut sich inmitten einer solchen schwer. "Wir erklären super alles im Nachhinein, aber diese Erkenntnisse gelten für die nächste Ereignisse nicht mehr", sagt Kirchler. Wer etwa einen Aufwärtsbewegung aussitzt, muss hilflos zusehen, wie nur die anderen reich werden – und das oft über Jahre. Entscheidet man sich dann spät doch noch zum Einstieg, erwischt man genau den falschen Zeitpunkt.

Warten auf die Erholung

Prinzipiell sollte antizyklisches Verhalten zum Erfolg führen. Doch "antizyklisch funktioniert nicht, weil die Menschen emotionell denken", sagt Prasser. "Sie gehen nicht in den Markt, wenn dieser zusammenbricht, sondern sie warten bis zur Erholung." Und das Gegenteil von dem, was die Herde tut, muss auch nicht immer stimmen.

Wichtig wäre es, Trends frühzeitig zu erkennen, doch auch dies ist kein Erfolgsrezept: Ständig kündigen sich neue Entwicklungen an, die dann doch nicht den Erwartungen entsprechen.

Eine andere Lösung ist der rechtzeitige Ausstieg, solange der Markt noch steigt. "Man darf nicht versuchen, aus lauter Gier den letzten Euro herauszupressen", sagt Otto Loistl, Professor für Vorstand des Instituts für Finanzierung und Finanzmärkte an der WU Wien. Aber hier das richtige Timing zu erwischen ist genauso schwer wie beim Einstieg. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.10.2006)