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Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von BCG in Wien.

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Ein Jahr nach den Pariser Krawallen dominieren - trotz Konjunkturschub - die gleichen Themen die Debatte: Armut, Arbeitslosigkeit, Angst vor Abstieg und Ausgrenzung. Während sich die Weltwirtschaftslage "zunehmend freundlich" zeigt, scheint die (gefühlte) soziale Temperatur in den mitteleuropäischen Ländern rapid zu sinken: Zahlreiche Umfragen belegen, dass die Gräben zwischen Arm und Reich als tiefer, "Fremde" als gefährlicher und Politiker wie Wirtschaftsführer als vertrauensunwürdiger wahrgenommen werden. Das Ideal einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" bröckelt, und die sozialen Folgen der frostigen Globalisierung(sfreiheit) werden befürchtet und bekämpft.

Es kann nicht darum gehen, sich der fortschreitenden ökonomischen Vernetzung entgegenzustemmen, sondern ihren "Fliehkräften" entgegenzuwirken. Gefragt sind dabei "Brückenbauer" wie jene, die gleich in drei Disziplinen mit dem diesjährigen Nobelpreis, ausgezeichnet wurden:

1. Edmund S. Phelps - Wirtschaft und Wahrnehmung: Nicht in die Schaltzentrale der Firma, sondern in den Kopf des Personalchefs habe ihn seine Forschung geführt - so widerlegte durch Analyse der Lohn- und Preiserwartungen des Einzelnen die Annahme, man könne die Arbeitslosenquote senken, wenn man Inflation in Kauf nähme. In seinen Forschungen zeigte er unter anderen, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Europa sich weniger dem rigiden Arbeitsmarkt, sondern der mangelhaften Unternehmensdynamik und Innovation verdankt. Die europäischen Wohlfahrtsstaaten blieben finanzierbar, wenn andere Barrieren abgebaut würden: "Man sollte Unternehmen helfen, neue Ideen und Produkte zu entwickeln. Man sollte dem Finanzsektor dabei helfen, bei der Geldvergabe besser auszuwählen."

2. Muhammad Yunus - Anerkennung statt Almosen: Der mit dem Friedensnobelpreis geehrte Yunus, Gründer der Grameen-Bank in Bangladesch und Erfinder der "Mikrokredite", verwandelt Arme in Unternehmer: Er verleiht winzige Beträge auf der Basis von Vertrauen, an Menschen, die keine Sicherheiten vorweisen können. Vor 30 Jahren mit zwei Mitarbeitern gegründet, beschäftigt er heute 20.000 Angestellte in 70.000 Dörfern, zählt 6,6 Millionen Kunden. Die Geschäftspartnerschaft vermittle Anerkennung: "Das verändert die Psychologie dieser Menschen. Sie müssen nicht mehr auf die Mildtätigkeit anderer warten. Sie spüren, dass sie endlich im Fahrersitz ihres Lebens sitzen." Von den Armen habe er gelernt, "dass in jedem Menschen grenzenloses Potenzial steckt. Aber auch, dass wir noch keine Gesellschaft geschaffen haben, die dieses Potenzial freisetzt.

3. Orhan Pamuk - Vom Osten im Westen: Ein Glücksfall sei er für die Verständigung zwischen Osten und Westen, zwischen dem Kandidaten Türkei und der EU und für die Literatur und deren Rolle in einer technisch-naturwissenschaftlich orientierten Welt, so die Laudatoren zu Pamuk. In seinen Romanen vermittelt er das Erleben des Exils aus Sicht türkischer Einwanderer, erzählt vom Osten in den literarischen Formen des Westens und vice versa. Wenn es etwas spezifisch Türkisches gebe, so schreibt er, dann sei es die Hoffnung, eines Tages der Armut, der Unbildung und dem Gefühl der Unterlegenheit zu entrinnen.

Die schwedische Akademie hat eine Brücke in die Zukunft geschlagen. Auf eine ökonomisch entgrenzten Welt mit ihren Rissen und "Clash of cultures" antworten diese "Brückenbauer" mit Taten, die die Weltkultur bereichern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)