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Wenn die körpereigene Abwehr gegen Krebszellen versagt, bildet sich Krebs in den Lungen

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Er schleicht sich stets langsam an, bleibt lange unentdeckt und verursacht kaum Krankheitszeichen. Die Diagnose Lungenkrebs kommt für Betroffene deshalb meist wie ein harter Schlag. Und das, obwohl man weiß, dass Lungenkrebs bei Männern die häufigste, bei Frauen die zweithäufigste zum Tode führende Krebserkrankung ist. Etwa 3500 Österreicher erkranken jedes Jahr daran, oft wird die Erkrankung erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Was das heißt? Operation ist dann nicht mehr möglich, weil der Krebs bereits Tochtergeschwulste gebildet hat. Was bleibt, ist die Behandlung mit Medikamenten.

Therapiefindung

"Welche Therapie geeignet ist, richtet sich danach, wie weit sich der Tumor in der Lunge ausgebreitet hat und ob er bereits andere Organe besiedelt hat", sagt Robert Pirker, Krebsspezialist am AKH in Wien. Ist der Krebs erst auf ein kleines Gebiet begrenzt, wird er operativ entfernt und anschließend per Chemotherapie mit dem Ziel behandelt, die Tumorzellen zu zerstören. "Als Standardtherapie kombinieren wir meist zwei Zytostatika miteinander", sagt Pirker. Zytostatika sind Mittel zur Krebsbekämpfung, die das Zellwachstum hemmen.

Die Tumorkiller

"Meist werden platinhaltige Substanzen wie Cisplatin in Kombination gegeben", erklärt der Wiener Mediziner. Die Wirkung von Cisplatin beruht auf einer Vernetzung der Erbsubstanz, die dadurch funktionsunfähig wird. Der Zellstoffwechsel wird somit behindert, die Zelle stirbt ab. Wie andere Zytostatika auch wirkt Cisplatin in dieser Weise nicht nur auf schnell wachsende Tumorzellen, sondern in gewissem Grad auch auf gesunde Körperzellen. Das verursacht unerwünschte Nebenwirkungen.

Medikamente

"Als Kombinationsmittel eignen sich etwa Gemcitabin, Paclitaxel und Pemetrexed", sagt Pirker. Paclitaxel gehört zur Gruppe der so genannten Taxane, einer neuen Zytostatikaklasse, die bei Lungenkrebs seit Kurzem erfolgreich eingesetzt wird. Gemcitabin zählt zu den Antimetaboliten. Diese ähneln körpereigenen Stoffen und können deshalb an deren Stelle in den Stoffwechsel der Krebszelle eingeschleust werden. Dort stören sie deren Wachstum und bringen die Tumorzelle um. Pemetrexed gehört ebenfalls zu den Antimetaboliten, wirkt aber breiter als Gemcitabin. In klinischen Tests zeigte es eine hohe Wirksamkeit und wird jetzt als Standardmedikament bei mit Chemotherapie vorbehandelten Patienten eingesetzt. "Zielgerichtete Therapien statt bewährter Chemotherapie gewinnen an Bedeutung", sagt Wolfgang Hilbe, Krebsspezialist an der Universitätsklinik in Innsbruck.

Neue Ansätze

Moderne Behandlungsformen beruhen auf dem wachsenden Wissen über die Vorgänge in Krebszellen. Forscher kennen inzwischen zahlreiche Mechanismen der Tumorzellteilung. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse werden neuartige Substanzen entwickelt. "Derzeit gibt es drei große Behandlungsstrategien: die Signalweiterleitung, die Gefäßneubildung und die Abwehrmechanismen der Krebszelle", erklärt Hilbe. So besitze eine Krebszelle beispielsweise spezielle Andockstellen für Botenstoffe, die Zellwachstum fördern, was sie zu einem geeigneten Ansatzpunkt für neue Therapien macht. Wirkstoffe wie Cetuximab und Erlotinib blockieren sie. Cetuximab ist für die Behandlung von Darmkrebs zugelassen und wird bei Lungenkrebs getestet, Erlotinib wird bereits bei Lungenkrebs angewendet.

Zukünftig Neues

In der Entwicklung sind außerdem mehrere Medikamente, die die Gefäßneubildung im Tumorgewebe hemmen. "Damit ein Krebs wachsen kann, braucht er ausreichende Blutversorgung", erklärt Hilbe. "Dazu schüttet der Tumor Botenstoffe aus, die eine Neubildung von Blutgefäßen auslösen." Verschiedene neue Substanzen seien in der Lage, diesen Vorgang zu blockieren. Ein erfolgreiches Beispiel ist Bevacizumab. "Es wurde bereits in Studien in Kombination mit Zytostatika eingesetzt und wird in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen", sagt der Innsbrucker Mediziner.

Auch Robert Pirker ist sich sicher, dass die zielgerichteten Therapiestrategien ein großes Potenzial haben: "Je genauer wir die Vorgänge in den Tumorzellen kennen, desto wirksamere Therapien können wir entwickeln." Außerdem betont er: "Neben den viel versprechenden Therapien darf aber die wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung von Lungenkrebs nicht vergessen werden: die Vorbeugung der Tabaksucht." (DER STANDARD, Printausgabe, Lisa Kühne-Eversmann, 30.10.2006)