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Klienten der Wiener Obdachloseneinrichtung "Gruft".

Foto: APA/Roland Schlager
Wien - "Warm, satt und sauber ist nicht genug", hält der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau fest. Anlässlich des 20. Geburtstages der Gruft, der Hilfseinrichtung der Caritas für Obdachlose, zog er Montag Bilanz: Das Jubiläum sei ein Grund Danke zu sagen, doch ein Grund zu feiern sei es nicht.

Als "niederschwellige" Einrichtung hat die Gruft 24 Stunden am Tag geöffnet und ermöglicht jedem Bedürftigen, zu essen, sich und seine Kleider zu waschen, zu schlafen und Zusatzangebote wie Friseur oder Kleiderausgabe zu nützen. Der Louisebus zur medizinischen Betreuung macht ebenfalls zweimal in der Woche vor der Gruft, die sich unter der Mariahilferkirche in Wiens 6. Bezirk befindet, Halt.

"Der Druck auf Menschen an den Rändern steigt", sagte Landau und kritisiert auch die Politik: "Die Politik verhindert das Grundrecht auf Wohnen." Die Bestrebung, einen "möglichst freien Wohnungsmarkt" zu schaffen, habe nicht dazu geführt, dass die Mieten billiger würden, sondern habe den umgekehrten Effekt gehabt. Um 16 Prozent seien sie gestiegen, das sei doppelt so hoch wie die Inflationsrate. Armut sei nicht das Ergebnis des Versagens einzelner Menschen, "hier versagt die Politik". Er hält Mietzinsobergrenzen für sinnvoll.

Obwohl in der Winterzeit manchmal bis zu 120 Menschen in der Gruft am Boden übernachten, ist die Zahl der Übernachtungen zurückgegangen. Das komme daher, dass die Stadt Wien mit Partnern immer mehr Notquartiere in Betrieb genommen habe, sagte Sozialstadträtin Renate Brauner (SP). Dass die Not im Land nach wie vor wächst, ist für Caritas-Direktor Landau an den Zahlen des ausgegebenen Essens ersichtlich. Wurden 2000 noch fast 60.500 warme Mahlzeiten ausgegeben, waren es 2005 ungefähr 71.300. Ursprünglich waren es Schmalzbrot und Tee, die von Pater Albert Gabriel und Schülern des Amerling-Gymnasiums verteilt wurden. Die Gruft wurde 1996 von der Caritas übernommen und finanziert sich über Spenden und den Fonds Soziales Wien.

Markus und Markus

Markus und Markus, "M&M", scherzt Markus Nummer eins, sind obdachlos. Anlässlich der Pressekonferenz zu 20 Jahren Gruft, sitzen sie im Kellergewölbe zusammen. "Scheidung/Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes" sind laut Martina Pint, Leiterin der Gruft, der Grund, warum Menschen auf der Straße landen. Und tatsächlich unterscheiden sich die Schicksale der beiden Männer nicht von jenen Hunderter anderer, die kein Obdach haben und einen Platz zum Übernachten suchen. Nach vier Monaten auf der Straße habe er, erzählt Markus Nummer zwei, durch Hörensagen von der Gruft gehört. Das war vor drei Jahren. Damals war er selbstständig und hatte seine eigene Firma. Markus war einige Zeit weg und in seiner Abwesenheit habe sein Partner die Firma ruiniert. "Dann ging's relativ schnell" bergab. Er verlor seine Wohnung, und die Chance, eine Arbeit zu finden, wurde mit jedem Tag geringer. "Das ist für die Firma nicht tragbar", habe man ihm unzählige Male bei Vorstellungsgesprächen gesagt, als er erzählte, dass wegen der Schulden auch ein Teil seines Gehaltes exekutiert werden müsse.

Das Einzige, was ihnen helfen könne, sei ein Lotto-Sechser, sagt Markus lachend. "Und Spenden, denn bald ist Weihnachten", fügt er, wieder ernst geworden, hinzu. (Marijana Miljkovic, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2006)