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Gentechniker in England wollen menschliches Genmaterial in eine Rindereizelle einpflanzen. Die Ergebnisse sollen die Forschung zur Behandlung von Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer vorantreiben.
Foto: REUTERS/Justin Ide
London - England ist derzeit in der Stammzellforschung drauf und dran, Kalifornien den Ruf als ausgewiesenes Epizentrum für die Scientific Community erschütternde Projekte streitig zu machen. In einem englischen Labor soll nämlich eine Schimäre, ein Mischwesen aus Rindvieh und Mensch, gezüchtet werden: Ein Forscherteam des North East England Stem Cell Institute, betrieben von den Universitäten in Durham und Newcastle upon Tyne, habe laut britischen Medienberichten vom Dienstag bereits bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Human Fertilisation and Embryology Authority, die entsprechende Genehmigung beantragt.

Eine Entscheidung der Londoner Behörde, die sich bei der Beurteilung von andernorts in der EU ethisch heftig umstrittenen Projekten bisher sehr liberal gezeigt hat, wird in den nächsten Monaten erwartet.

Das Forscherteam um Lyle Armstrong von der Universität in Newcastle upon Tyne will menschliches Genmaterial in Eizellen von Kühen einpflanze. Die WissenschafterInnen begründen dieses Ansinnen damit, dass man durch die Vermischung mehr über die genetische Programmierung von Körperzellen erfahren und auf ethisch unbedenkliche Weise embryonale Stammzellen gewinnen könne. Zwar betonen die ForscherInnen selbst, dass dies erst in Jahrzehnten der Fall sein würde, aber immerhin sollten am Ende neue Therapien für Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer stehen.

Embryonale Stammzellen, die sich in fast alle Zelltypen entwickeln können und daher als mögliche künftige Reparaturwerkzeuge für degeneriertes oder erkranktes Gewebe Hoffnungsträger der Medizin sind, werden bisher aus Embryos hergestellt. Aus solchen, die bei künstlicher Befruchtung übrig bleiben. Da die Embryos dabei zerstört werden, ist die Stammzellgewinnung ethisch äußerst umstritten.

Kuhmenschen

Armstrong et alii setzen daher auf Kuhmenschen: Sie wollen die DNA enthaltenden Kerne aus Kuh-Eizellen entfernen und durch Kerne menschlicher Körperzellen ersetzen. Die Embryonen, deren Erbgut nur noch zu 0,1 Prozent von der Kuh stammen würde, sollen sich dann zu einer Blastozyste entwickeln - einem Haufen von etwa 300 Zellen. Ihm will das Team die Stammzellen entnehmen und prüfen, ob der Zellkerntransfer funktioniert und wie die Zellen neu programmiert werden. Die so geklonten Embryos - nur noch zu 99,9 Prozent menschlich - sollen nach 14 Tagen (ethisch vermeintlich unbedenklich) zerstört werden. Durch Einpflanzen menschlichen Erbmaterials in Kuh-Eizellen trete "die Stammzellenforschung in das nächste Stadium ein", frohlockte Armstrong.

KritikerInnen wie der schottische Bioethiker Calum MacKellar jedoch warnen: Bei dem Verfahren würden tierische Eizellen und menschliche Chromosomen auf sehr direkte Art vermischt. Damit könnte man beginnen, die Unterscheidung zwischen Tieren und Menschen zu untergraben. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 8. November 2006)