Zur Person:
Antoine Sfeir, Herausgeber der Zeitschrift "Cahiers de l'Orient", ist einer der renommiertesten Spezialisten für den arabischen Raum. Der 58-jährige Politologe libanesisch-christlicher Herkunft leitet in Paris das Forschungszentrum für den Nahen Osten (CERPO).

Foto: Standard
Standard: Teilen Sie die verbreitete Meinung, dass Syrien hinter dem Attentat auf Pierre Gemayel steckt?

Sfeir: Die Frage ist, wer das Verbrechen gewünscht haben könnte. Auf das Regime in Damaskus trifft das unbestreitbar zu. Aber auch auf die syrischen "Waisen", das heißt Libanesen, die Damaskus jahrelang aus der Hand gefressen haben und heute den Schutz des früheren Klientelsystems vermissen.

Standard: Das Attentat erfolgte kurz nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen Damaskus - Bagdad. Könnten syrische Hardliner unabhängig von Präsident Bashar al-Assad das Attentat inszeniert haben, um diese Annäherung zu sabotieren?

Sfeir: Das könnte durchaus auf Geheimdienstkreise in Damaskus zutreffen. Sicher scheint mir, was die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Syrien und Irak bedeutet: Damaskus wird ein Satellit des schiitischen Irans. Syrien musste zustimmen, obwohl die Diplomaten in Bagdad nicht mehr sunnitische Baath-Vertreter, sondern Schiiten sind.

Falls Assad am Samstag wie der irakische Präsident Jalal Talabani nach Teheran zum Dreiergipfel reist, ist erwiesen, dass nun Teheran in Damaskus weit gehend - wenn auch nicht vollständig - das Sagen hat.

Standard: Bedeutet das aber nicht, dass letztlich Teheran das Attentat in Beirut in Auftrag gegeben haben könnte?

Sfeir: Nicht notwendigerweise. Teheran suchte diesen Gewaltakt kaum, da eine solche Operation politisch eher die Hisbollah und ihren christlichen Verbündeten General Aoun schwächen dürfte.

Standard: Läuft das auf einen neuen Bürgerkrieg hinaus?

Sfeir: Eher zeichnet sich ein definitiver Bruch zwischen den Schiiten und den übrigen Bewohnern des Libanon ab.

Standard: Ein Bruch ähnlich wie im Irak?

Sfeir: Leider ja. Der Libanon treibt auf einen föderalen Staatsaufbau zu, der die Einheit des Landes bedroht und schließlich das Ende des Libanon bedeuten kann. Das ist neu. Und höchst bedauerlich für den Libanon.

Standard: Bedeutet das, dass im Nahen Osten immer mehr Staaten gespalten oder wie im Irak dreigeteilt würden?

Sfeir: Oder viergeteilt, fünfgeteilt. Ja, die Entwicklung geht in diese Richtung. Die Amerikaner streben kleine Einheiten an, eine Art Herzogtümer, die keine reelle Macht mehr haben und der Außenwelt nicht gefährlich werden können.

Standard: Erreicht der amerikanische Irak-Coup also das Ziel, auch wenn die USA in Bagdad den Krieg verlieren?

Sfeir: Die USA verlieren den Irakkrieg gar nicht. Warum auch? Heute herrscht in Bagdad vor allem ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten, bei dem es um die Kontrolle Bagdads geht. Die Amerikaner erleiden höchstens einen Imageverlust, reale Opfer sind die Iraker.

Warum also sagen, dass die USA den Krieg verlieren, wenn sie sein Hauptziel, die Aufsplitterung des Landes, erreichen? Einige arabische Staaten könnten in kleine Einheiten zerfallen, die gar keine richtigen Staaten mehr sind, sondern religiöse oder ethnische Gemeinschaften.

Standard: Doch würde das nicht die Gefahr erhöhen, dass solche "Fürstentümer" zu Brutstätten islamistischer Terroristen werden?

Sfeir: Nicht, wenn sie so eng überwacht werden, wie das Washington im Sinn hat. Nein, die Folgen liegen anderswo: Die Zerstückelung des Nahen und Mittleren Ostens wird erstens viele zivile Opfer kosten und zweitens das Ende der Nationalstaaten dort bedeuten. Die USA versprechen sich dadurch nicht zuletzt einen besseren, sichereren Zugang zu den Ölquellen. (Stefan Brändle sprach mit dem französischen Politologen in Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2006)