"Die Erste Generation wird in Österreich total ignoriert."

Kenan Kilic kam 1981 nach Österreich und lebte ein Jahr als U-Boot in Wien. Seit über 10 Jahren arbeitet er als Filmemacher. Sein Erstlingsfilm "Nachtreise" wurde mit großem Interesse aufgenommen. Darin erzählt Kilic die Geschichte einer ohne Aufenthaltsgenehmigung in Österreich lebenden Gruppe von Türken. "Nachtreise" ist voll von Perspektivenlosigkeit, Ausgeliefertheit und schwarzem Humor.

Derzeit arbeitet Kilic an einem Film über die Erste Generation von TürkInnen in Österreich. Aus 180 Stunden Filmmaterial soll bis zum Frühjahr eine Dokumentation über den Alltag dieser Menschen entstehen, die die Politik konsequent ignoriert. Diese Ignoranz wirft Kilic der Regierung auch vor. Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg.

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derStandard.at: Sie haben ein Jahr lang als "U-Boot" in Wien gelebt. Wie sehen Sie diese Zeit jetzt?

Kilic: In diesen Monaten ist mein Leben sozusagen still gestanden. Es hat für mich keine Zukunft gegeben, weder familiär, noch beruflich.

derStandard.at Sie arbeiten das Thema Migration in Österreich filmisch auf. Kümmert sich die Kunst mehr um dieses Thema als die Politik? Sie wollen mit Ihrer Arbeit zur Weiterentwicklung einer multikulturellen Gesellschaft beitragen. Was kann die Politik dazu tun?

Kilic: MigrantInnen gehören seit 40 Jahren zur österreichischen Geschichte. Aber im Gegenteil zu Deutschland oder anderen Ländern mit Einwanderung gibt es kaum politische Aufarbeitung oder Literatur zu diesem Thema. Die Erste Generation wird zum Beispiel total ignoriert.

Politisch ist das Problem der illegal im Land aufhältigen Menschen vermutlich nicht wirklich lösbar. Aber ich sehe auch keinerlei Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen. Kleine Schritte kann man aber immer machen, Probleme angehen und lösen. Gewerkschaft, Arbeitsämter, Gewerbetreibende könnten zur Entschärfung der Lage beitragen. Und Österreich wäre nicht das einzige Land, wo Legalisierungen von Menschen stattfinden, die seit Jahren in Österreich leben und arbeiten, deren Kinder hier unter schwierigsten Bedingungen aufwachsen. Das Thema wird ganz einfach Parteien wie der FPÖ überlassen, und wir wissen, was die daraus machen.

derStandard.at Was ist mit den Grünen?

Kilic: Die Grünen haben im Bereich Menschenrechte natürlich einen guten Ansatz. An der Gestaltung sind sie allerdings nicht beteiligt. Was man immer wieder auch sagen muss: Einwanderung ist nicht negativ. Schließlich hat Österreich vor Jahrzehnten Gastarbeiter von sich aus geholt, die viel zur positiven Entwicklung des Landes beigetragen haben.

derStandard.at Wie hat sich Ihrer Ansicht nach die Situation in Österreich verändert?

Kilic: In den letzten 10 Jahren ist die Zahl der Illegalen aus der Türkei natürlich zurückgegangen. Jetzt sind diejenigen, die in diesen Paralellgesellschaften festsitzen. Jetzt sind es eher Menschen aus anderen Bereichen der Welt. Das Thema der Illegalität wird aber seit jeher von der Regierung tot geschwiegen.

Aber die Zahl der illegal in Österreich aufhältigen Menschen ist nicht gering, und man muss auch sehen, dass sie für die Wirtschaft nun mal auch billige Arbeitskräfte darstellen. Ich hab diese Thematik in meinem Film angesprochen. Die Wirtschaft muss diesen Leuten weder ein angemessenes Gehalt noch die Versicherung bezahlen. Wenn die Arbeitgeber erwischt werden, bezahlen sie eine Strafe, der Arbeiter wird abgeschoben.

In Deutschland haben beispielsweise auch Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung Anspruch auf gewisse Grundleistungen, wie Krankenversicherung. In Österreich wird jede Krankheit zum Risiko. Man kann nicht mit eigenem Namen zum Arzt gehen, ohne sofort von Abschiebung bedroht zu sein.

derStandard.at Wer kann das Thema auf die Agenda bringen. Kinder von MigrantInnen. Die Zweite Generation in Österreich?

Kilic: Es kommt immer darauf an, ob diese Probleme eine Lobby haben und wo diejnigen sitzen, denen das ein Anliegen ist. Natürlich können Leute mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Verwaltung, bei der Polizei oder in der Politik arbeiten. Aber meist kommen sie nicht so weit, um selbst Entscheidungsträger zu sein. Oder wo gibt es in den Ministerien Leute mit Migrationshintergrund, oder im ORF?

derStandard.at Was kann Kultur bzw. Film beitragen?

Kilic: Viel. Film ist ein besonders geeignetes Mittel, weil er einen direkteren Zugang zu den Menschen hat und stark öffentlich machen kann. Aber auch auf der Filmakademie gibt es nur eine Handvoll StudentInnen mit Migrationshintergrund. Ich möchte mit meinen Filmen Geschichten erzählen, Geschichten über die Realität, die Probleme von MigrantInnen. Und es ist wichtig, die Brille umzudrehen, eine andere Perspektive zu zeigen. Dabei stelle ich nicht in erster Linie einen politischen Anspruch. Das kommt automatisch, ob ich will oder nicht.

derStandard.at Sprechen Sie sich für eine Annäherung der Türkei an die EU aus?

Kilic: Die Türkei verändert sich seit dem Annäherungsprozess in einer positiven Art und Weise. Vor allem, was Meschen- und Minderheitenrechte angeht. Das ist zu begrüßen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Türkei in zehn Jahren in der EU ist. Sie ist eine Brücke zwischen Orient und Okzident und das ist ein Spannungsfeld, das man erst in den Griff bekommen muss. Schließlich sind viele der EU-Bürger gegen einen Beitritt.