Die Tarife werden erhöht, die Verbindungen reduziert, so genannte Nebenstrecken eingestellt. Es gibt auf Langstrecken vor allem zu den Mahl-Zeiten keine Speisewägen mehr. Vor hundert Jahren gab es täglich drei direkte Züge von Wien nach Triest mit Kurswägen nach Venedig oder Grado. Man kam damals ein paar Stunden früher ans Ziel. Das ist aber kein Wunder, denn der heutige "Intercity" ist ein freundlicher Bummelzug, der in Metropolen wie Murau, Mürzzuschlag, Knittelfeld, Unzmarkt oder Friesach hält, weil er Manager in der Business-Class von einem Bahnhofs-Restaurant zum andern befördern muss.

Die Anzahl der Waggons wurde soweit reduziert, dass der Reisende auch im Stehen der Schönheiten unserer Heimat ansichtig werden kann, wenn er das Glück hat, nicht aus dem Zug gewiesen zu werden, weil die Stehplätze schon vergeben sind. Die Toiletten - so sie überhaupt offen und benützbar sind - entsprechen einwandfrei den sanitären Normen der Deutschen Reichsbahn vom November 1923, Fenster können nicht mehr geöffnet werden, damit die Passagiere sich voll auf die defekte Klimaanlage konzentrieren können. Raucher sind unerwünscht. So können sich die Nichtraucher ungestört am Odeur erfreuen, der aus den am Boden herumkullernden Bierdosen strömt.

Die Getränke aus dem manchmal tatsächlich mitgeführten Bord-Service-Wägelchen haben alle die gleiche Temperatur, egal ob Wein oder Kaffee; Die Brötchen sind angenehm feucht und fahren mit dem Reisenden ihrem Ablauf-Datum entgegen.

Der Erwerb einer Fahrkarte vor Antritt der Reise setzt die Absolvierung eines mehrwöchigen Computerkurses voraus; die Liste der Zuschläge ist lang und geheimnisumwoben und oft auch dem Zugbegleiter ein sibyllisches Rätsel. Alles deutet darauf hin, dass der Reisende als solcher zu einem Problem für die Bundesbahn geworden ist.

Was will also die ÖBB in dieser für sie äußerst schwierigen Situation? Sie will privatisiert werden. Dann kann die Generaldirektion frei entscheiden, ob die Mitnahme von Passagieren zumutbar ist oder eine grobe Belästigung der Unternehmenspolitik darstellt. (Günther Schatzdorfer, DER STANDARD - Printausgabe, 29. November 2006)