Geri Winkler nach dem Gipfelsturm mit schnell wirkendem Insulin im Gepäck. Winklers Bergführer trugen Insulin-Kapseln als Notfall-ration an Halsketten. Gebraucht wurden sie nicht

Foto: Geri Winkler
"Wenn man durch die 1400 Meter hohe, 70 Grad steile Lhotsewand zum Südsattel aufsteigt, ist es kaum möglich, etwas zu essen oder den Blutzucker zu testen. Da muss man mit Händen und Füßen dafür sorgen, dass man am Berg bleibt." Der Abenteurer, Höhenbergsteiger und Diabetiker Geri Winkler erzählt über die vielen mühsamen Momente auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest.

Unabhängigkeit

Den höchsten Berg der Welt zu besteigen, das allein ist für die meisten Menschen schon schwer vorstellbar. Wie kann das einem Diabetiker gelingen, der eingeengt ist durch oftmalige Blutzuckerkontrollen, regelmäßiges Essen und Insulininjektionen? "Mithilfe neuer Therapien, bei denen man nur einmal am Abend Basisinsulin zuführt und nach jeder Mahlzeit schnell wirkendes Insulin spritzt, kann man heute im Outdoor- und Extrembereich ein weit gehend unabhängiges Leben führen."

Abenteuer trotz Diabetes

Geri Winkler weiß, wovon er spricht, er ist seit 1984 Typ-1-Diabetiker, in seiner Reise- und Abenteuerlust lässt er sich dadurch aber nicht einschränken. Die erfolgreiche Besteigung zahlreicher Sechs- und Siebentausender im Himalaja und in den Anden hat ihn darin bestärkt, dass auch der Everest im Bereich des Möglichen liegen müsste. "Ich habe immer davon geträumt, Asien auf dem Landweg bis Indien zu durchqueren, und der Mount Everest ist mir schon seit meiner ersten Trekkingtour in Nepal nicht mehr aus dem Kopf gegangen."

Er ist mit dem Rad zum höchsten Berg gefahren. Vier Monate war er vom tiefsten Punkt der Erde, dem toten Meer, bis nach Kathmandu unterwegs, danach wanderte er bis ins Basislager, um von dort die Gipfelbesteigung zu starten.

Extraschulung

Das Expeditionsunternehmen, mit dem er auf den Berg kommen soll, orientiert sich an seinen bisherigen Leistungen und ist seinem Diabetes gegenüber sehr aufgeschlossen. Winkler gibt den beiden professionellen Bergführern im Basislager eine zweistündige Einschulung, jeder der beiden wird auf dem Berg eine Halskette mit zwei Ersatzampullen tragen, für den Fall, dass Winklers Insulin durch ein Missgeschick einfrieren und damit seine Wirkung verlieren sollte.

Insulin auf dem Berg

Essen und Trinken fällt in diesen Höhen weder dem Profi-Höhenbergsteiger noch dem Diabetiker leicht. Maximal eine Suppe kann der Magen verkraften, und die Kohlehydrate werden in Form von Elektrolytgetränken oder eines Power-Gels mehr schlecht als recht zugeführt. Das Spritzen nach dem Essen ist in dieser Umgebung besonders wichtig, weil man nie weiß, wie viel man runterwürgen kann und ob man es überhaupt im Magen behält. Der Wiener Abenteurer hatte auf seiner Radtour zehn Kilo Gewicht verloren, dann mit Gewalt vor der Everest-Besteigung wieder sechs Kilo zugenommen, um auf dem Berg wieder alles abzubauen. "Bei diesen Schwankungen ist es für einen Diabetiker nicht leicht, seine optimale Einstellung zu bewahren, aber mit vielen Blutzuckerbestimmungen geht das schon."

Biosensor-Methode

Früher benutzte er Testgeräte, die reflektometrisch messen, aber wegen des viel geringeren Sauerstoffgehalts der Luft zu geringe Werte anzeigen. Heute erhält er seine Daten mit Geräten der Biosensor-Methode. Die Aufstiegsetappen startet er stets mit einem höheren Blutzuckerwert als normal, um der Gefahr einer Unterzuckerung durch die enorme Anstrengung vorzubeugen. "Da lebt man dann halt ein paar Wochen mit höheren Werten von 180 bis 200 mg/dl, normal sind 90 bis 130 mg/dl, das ist ein Kompromiss, den man für dieses Ziel eingehen muss." Vom erfolgreichen Gipfelgang ins Hochlager zurückgekehrt, kommt er dann auf extrem hohe Blutzuckerwerte, verursacht durch die übermenschliche Anstrengung, den Adrenalinausstoß und den extremen Flüssigkeitsverlust.

Mögliche Spätfolgen

Im Basislager ist aber wieder alles im Normalbereich. Der Langzeitwert, gemessen über sechs bis acht Wochen, der wichtigste Wert in der Einstellung jedes Diabetikers, wird dadurch natürlich negativ beeinflusst. "Mir ist schon bewusst, dass es damit irgendwann zu Spätschäden kommen könnte, aber das sind mir meine Träume wert." (DER STANDARD, Printausgabe, Martin Grabner, 04.12.2006)