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Wolfgang Pucher hat im "Vinzidorf" ein Heim für Obdachlose geschaffen

Foto: APA/Hans Klaus Techt
Graz – "Bei mir klingelt es dauernd. Alle sind entsetzt, dass so etwas möglich ist", beschreibt Pfarrer Wolfgang Pucher die Reaktionen auf ein Interview, das der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) dem ORF Steiermark gegeben hatte. Konkret war der Film als Einleitung zu einem Dialog zwischen Menschen, die in Graz betteln, und der Grazer Bevölkerung gedacht. Mehr Verständnis für die Situation der Bettler, großteils aus der Slowakei stammende Roma, sollte mit dem Dialog geschaffen werden.

"Dort hinziehen mit seinem Orden"

So der Plan. "Aber nachdem der Herr Bürgermeister diesen Satz gesagt hat, ist das alles vorbei", bedauert Pucher. Im Interview hatte Nagl, der stets öffentlich betont, gläubiger Katholik zu sein, gesagt, dass Pucher "die Menschen nicht hier knien lassen" solle, sondern er solle in die Slowakei, also "vor Ort dort hinziehen mit seinem Orden".

Für Pucher, SPÖ, KPÖ und die Grünen kam das einem Rausschmiss der Bettler samt des prominenten Priesters gleich. Pucher, der mit der Gründung des Vinzidorfes vor zwölf Jahren Obdachlosigkeit in Graz quasi abschaffte und sich auch seit Jahren der Bettler annimmt, startete in Wien erst kürzlich ein weiteres Hilfsprojekt seiner Vinzenzgemeinschaft. In einer Aussendung des Büro Nagls am Montag wurde der ORF-Bericht als "verfälscht" bezeichnet, da Nagl nicht Pucher "expedieren" wolle, sondern meinte, dieser solle sich doch mit seinem Orden, den Lazaristen, auch in der Slowakei niederlassen.

"Freudscher Versprecher"

Für Pucher ist das bestenfalls ein "Freudscher Versprecher", so der Geistliche im Standard-Gespräch. Auch Eugen Schindler von den Österreichischen Lazaristen stellte fest, dass sein Orden versuche, Armendienst "dort zu tun, wo die Armen sind und nicht dort, wo man sie gern hätte".

Pucher ergänzt: "Es heißt Nächstenliebe, nicht Fernstenliebe." Der Priester glaubt, dass die Wähler Nagls, der seine politische Karriere beim Wirtschaftsbund startete, "Druck auf ihn machen. Das sind jene, denen es gut geht und die die Innenstadt als Einnahmequelle sehen. Und er will Wähler am rechten Rand sammeln." Für Montagnachmittag war ein Treffen Nagls und Puchers geplant, bei dem man sich "die Meinungen sagen wird", wie Pucher ankündigt. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2006)