Eine neue Studie belegt, dass die Vegetation in Hochgebirgen aufgrund steigender Temperaturen nach oben wandern wird. In der Folge wird eine besonders artenreiche Pflanzenwelt oberhalb der Waldgrenze verdrängt. Ein Team des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien, das im Rahmen des vom Wissenschaftsministerium unterstützten Hochgebirgs-Forschungsnetzwerks GLORIA wissenschaftliche Arbeiten durchführt, beweist erstmals diesen Prozess. Die Ergebnisse dazu sind in der aktuellen Ausgabe der international renommierten Fachzeitschrift Global Change Biology erschienen.

Der anhand von Klimaprognosen angezeigte Temperaturanstieg von bis zu fünf Grad Celsius im Alpenraum innerhalb dieses Jahrhunderts könnte zu einem massiven Gefährdungsfaktor für alpine Ökosysteme werden. Hochgebirgs-Ökosysteme sind durch tiefe Temperaturen definiert, gelten deshalb als besonders empfindlich in ihrer Reaktion auf die Klimaerwärmung.

Infolge beobachteter Veränderungen der Anzahl von Pflanzenarten auf hohen Gipfeln in den europäischen Alpen wurden 1994 zahlreiche ein Quadratmeter große Beobachtungsflächen am Schrankogel in den Stubaier Alpen eingerichtet. Diese markierten Flächen befanden sich am alpin-nivalen Ökoton: die Übergangszone zwischen der alpinen Höhenstufe mit überwiegend geschlossener Rasenvegetation und der fels- und schuttdominierten nivalen Höhenstufe (zwischen 2900 und 3450 Meter). In der nivalen Zone würde Schnee auf ebener Fläche ganzjährig liegen bleiben. Im Jahr 2004 wurden die Untersuchungen an einer repräsentativen Auswahl von 362 Flächen wiederholt.

Grenzen des Lebens

Das Ergebnis der von einem Team unter der Leitung von Georg Grabherr, Professor am Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien, gemachten Studie signalisiert einen Rückgang von extrem spezialisierten Hochgebirgspflanzen in den Alpen, an den Kältegrenzen pflanzlichen Lebens. Extremer Kälte angepasste Arten verlieren zunehmend an Areal. Zum einen, weil ihr Verbreitungsgebiet nach oben hin begrenzt ist und die Temperaturen ständig steigen. Zum anderen aber kommt es zu einem Verdrängungsmechanismus durch Pflanzen von der unteren, alpinen Zone, die sich im alpin-nivalen Ökoton ansiedeln.

Alle subnival-nivalen Arten zeigten signifikante Rückgänge, während bei alpinen Pionierarten eine Zunahme beobachtet wurde. Die aktuelle Klimaerwärmung in den Alpen, die doppelt so hoch war wie im weltweiten Durchschnitt, wird als grundlegende Ursache dieser Veränderungen erachtet. Die Ergebnisse deuten auf eine laufende Einengung der Verbreitung subnival-nivaler Arten an ihrer Untergrenze und eine gleichzeitige Expansion alpiner Pionierarten an ihrer Obergrenze hin.

"Diese Veränderungen wurden aufgrund von Modellrechnungen erwartet, mit der neuen Studie konnte der Artenrückgang in den Hochlagen der Alpen jedoch erstmals nachgewiesen werden", erklärt Grabherr. Und weiter: "Die in Hochrechnungen angezeigte Beschleunigung der Klimaerwärmung gibt Anlass zur Besorgnis. Die Biodiversität in Hochgebirgen ist ernsthaft bedroht." (red/DER STANDARD, Printausgabe, 13. Dezember 2006)