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Clooneysierung der Männerwelt

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Ein richtiger Mann, so tönten die Medien einhellig, ein richtiger Mann wäre dieser Bond. Einer der schwitzt, wenn er auf Kräne klettert, und einer der Schrammen hat, springt er von diesen herab. Wegen einer Frau reicht er (per E-Mail) seine Kündigung ein, und wird er gefoltert, dann schreit er so laut, dass es einem durch Mark und Bein geht. Immerhin landen die Schläge, die er von Gegenspieler Le Chiffre bekommt, genau in seinen Weichteilen. Dem - wie soll man es anders sagen - Sitz seiner Männlichkeit.

In den Eiern ist das Epizentrum des neuen Bond. Wahrscheinlich macht er sich deswegen nach getanem Schrei über die Schläge lustig. "Kraul mir die Eier", sagt er zu Le Chiffre, und er sagt das so machohaft und verletzlich, wie es nur ein Mann machen kann, der auch um seine weicheren Seiten Bescheid weiß.

"Ich hätte den Film nicht gemacht, wenn er nicht diese Ebene gehabt hätte", sagt Daniel Craig über "Casino Royale". Sprich: Wenn der Mann, der den Spion Ihrer Majestät gibt, nicht zumindest von fern Ähnlichkeiten mit einem real existierenden Y-Chromosomen-Träger gehabt hätte. Ein Mann, der ein Mann ist (was immer man sich darunter vorstellt), aber auch das Zeug zum Versorger und Versager hat, zum Krieger und Kind, Macho und Ehemann. Das scheint der derzeit kleinste gemeinsame Nenner im heftigst umkämpften Terrain der Männerbilder zu sein. Ein Alphawesen, wenn man so will, das sich aber auch ganz liebevoll um seine Herde zu kümmern weiß.

Die Clooneysierung der Männer

In der großen, bunten Werbewelt sind derzeit viele solcher Steher und Stecher zu sehen: "Richtige Riegel" verspricht die Mars-Werbung und platziert für jene, die es immer noch nicht verstehen, einen muskelbepackten Ringer neben dem Produkt, in Männer-Modestrecken hat die lange Unterhose Konkunktur, und das französische Modemagazin "Numéro" überrascht in seiner aktuellen Ausgabe sogar mit einem zotteligen Vollbartträger als Covermodel. Nach Jahren der metrosexuellen (Brad-)Pittisierung eine Art (George-) Clooneysierung der Männerwelt.

Dazu passt auch der neue Fetisch Haare: Die vielen neuen Pelze scheinen das stärkste Indiz für die Konjunktur des verständnisvollen Machos zu sein. Die "International Herald Tribune" widmete jüngst dem "coolen Schnurrbart" einen großen Artikel (fragwürdig war nur die Bebilderung mit der, äh, Styling-Ikone Borat), in Modekreisen sind Bärte jeglicher Fasson sowieso schon länger wieder straßentauglich, und selbst in der Schwulenszene ist Natürlichkeit plötzlich Trumpf. Oder muss man sagen, gerade in der Schwulenszene? Sie ist bekanntlich ein besonders guter Gradmesser für die Veränderung von Körperbildern. Metrosexuell waren Schwule schon lange, bevor jemand dieses Wort erfand (nur dass sie eben nicht mit Frauen schliefen), und "übersexuell" (so lautet die neue, ziemlich krampfhafte Bezeichnung für den Macho von heute) sowieso -, nur dass sie das Wort übersexuell schon immer etwas wortwörtlicher nahmen, als es Erfinderin Marian Salzman intendierte.

Auch Schwule sind Männer

Einfach Mann sein: Dem fitnessstudiogestählten und glatt rasierten Schwulen steht schon länger ein subkulturelles Bild entgegen, das in Kreisen der Körperbildermacher großen Einfluss hat und am anschaulichsten im holländischen Porno- und Interviewmagazin "Butt" wiedergegeben ist. Natürliche Körper, einmal mit und einmal ohne Haare, so wie es einem selbst oder seinem Liebhaber eben gefällt.

Mit Nachlässigkeit seiner eigenen Physis gegenüber hat dieses Bild nichts zu tun - eher mit dem eigenen Selbstverständnis. Auch Schwule sind Männer. Auch sie sind Versorger und Versager, Krieger und Kinder, Machos und (hoffentlich bald auch) Ehemänner. Und vielleicht werden sie auch irgendwann einmal einen James Bond stellen. Über Männerrollen wird man dann nicht mehr nachdenken müssen. (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/15/12/2006)