Christina Aguilera muss sich in Wien gleich einmal ausziehen. Dieser Herbst!

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... hin zum Erwachsenendasein - kleine Abstecher zu Beate Uhse inklusive.


Wien - Die gute Nachricht zuerst. Christina Aguilera, neben Britney Spears und Justin Timberlake die große, triumphale Überlebende der US-TV-Show The New Mickey Mouse Club sowie Veteranin einer amerikanischen Starmania, wird heute, Montag, rüstige 26 Jahre alt. Alles Gute auch von dieser Seite!

Weil heute so rein vom Feeling älterer Leute her gesehen bei der Jugend alles immer noch schneller gehen muss, pimpte die wahlblonde Sängerin ihre Weltkarriere seit dem Durchbruch 1999 in sagenhafter Geschwindigkeitsverdoppelung durch alle Images, für die Madonna als mütterliches Vorbild noch gut 20 Jahre brauchte. Von der fröhlich-backfischigen Tanzmaus vom Schulhof nebenan mit den Hits Genie In A Bottle und What A Girl Wants über Lady Marmalade und Freizeitbekleidung von Victoria's Secret hin zum 2002 erschienenen Album Dirrty und der dafür auf die Bühne geräumten Lack-, Leder- und Ochsenziemer-Abteilung von Beate Uhse vergingen immerhin nur drei Weihnachten.

Vier Jahre nach Dirrty muss man also heuer schon von einem jedem großen Star nach einer Phase der inneren Einkehr und Läuterung vertraglich zustehenden Comeback sprechen, wenn Christina Aguilera jetzt vor 10.000 Leuten in der Stadthalle die Showtreppe herabsteigt. Ein Comeback hat natürlich immer auch mit Reife zu tun. Dafür kann man sich nicht einfach wieder in die alte abgelebte Lederkorsage werfen und einen auf Jazztanz mit Anfassen an den sekundären Geschlechtsmerkmalen machen.

Wie man auf dem aktuellen Album Back To Basics hören und jetzt in seiner Liveumsetzung in der Wiener Stadthalle vor allem auch sehen konnte: Warum nicht gleich den Jazztanz auf seine musikalischen Wurzeln in die Swing-, Jazz- und Rhythm-'n'-Blues-Ära der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückführen und dazu zum Showstart im bei Glam-Königin Marlene Dietrich geborgten und etwas aufgesexten weißen Herrenanzug mit einem Gefolge von zwei Hand voll Tänzern und einer Big- band erscheinen und einen auf reife Diva machen?!

Von der Eleganz der sich in zugespielten Schwarzweißvideos exzentrischerweise auf Billie Holiday wie John Col-trane berufenden Musik dieser nostalgischen Reise bleibt live dann allerdings wenig über. Es dominiert das Böllern von Bass und Schlagzeug. Dazu rettet sich Aguilera bei stimmlichen Unsicherheiten leider allzu schnell in von Mariah Carey abgeschaute Kampfkoloraturen. Die machen einem das Leben zwischen drei Bühnenbildern (klassisches Hollywood, verruchter Blues-Juke-Joint und Zirkus/Bordell) sowie 14 (!!!) Kostümwechseln Christinas oft recht schwer.

Als Reminiszenz an alte Sauereien ("Still dirrty!") wird im Themenpark Zirkus ein junger Mann aus dem Publikum ans Feuerrad gefesselt und von allen Frauen auf der Bühne symbolisch bestiegen und dann mit der Peitsche durchgehaut. Lady Marma-lade und Beautiful kamen gegen Schluss. What A Girl Wants in der Mitte als Reggae. Genie In A Bottle fehlte. Hey, Christina Aguilera ist jetzt älter und weißblonder! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.12.2006)