Innsbruck/Wien - Das waren Zeiten, als der Rock 'n' Roll nicht aus dem Snowboard-Sport zu kriegen war. Am augenscheinlichsten für die Sportwelt beim olympischen Erstauftritt der Snowboarder anno 1998 in Nagano, als die wilden Rebellen mit der seriösen Veranstaltung so gar nichts anzufangen wussten.

Der Norweger Terje Haakonsen, eine Halfpipe-Legende, boykottierte Olympia, weil er mit den Qualifikationskriterien des Ski-Weltverbandes FIS nicht einverstanden war. Der Österreicher Martin Freinademetz wurde ausgeschlossen, nachdem er ein Bierfass durch die Lobby gekickt und Hotel-Equipment damit zerstört hatte. Und dem kanadischen Olympiasieger Ross Rebagliati, der sich eingeraucht hatte, wurde seine Medaille vorerst aberkannt. Doch Marihuana stand damals noch nicht auf der Dopingliste, und Rebagliati hatte seine Medaille flugs wieder.

Fast neun Jahre später finden sich die Nachfolger der Rebellen in der von der FIS organisierten Weltcup-Tournee gut zurecht. "Die Struktur der Veranstaltungen hat sich total verändert. Das ist ein Profi-Zirkus", meint Sigi Grabner, Österreichs Bester in den Alpin-Bewerben. Der 31-jährige Weltmeister und Olympia-Dritte (Turin 2006) war in der "cooleren" Tour der International Snowboard Federation (ISF) groß geworden, die gegen die FIS auf Dauer aber nicht bestehen konnte. Grabner: "Die FIS-Bewerbe sind strukturierter, aber unflexibler. Gleich geblieben ist das Zusammengehörigkeitsgefühl."

Bei der FIS freilich stehen die Boarder klar im Schatten der Skifahrer. "Die Snowboard-Industrie hat unser Produkt schlecht vermarktet", sagt Grabner. "Unser Image muss einfach wieder gepusht werden." Leichter haben es da die Freestyler, die oft mit gut dotierten Sponsor-Werbeverträgen ausgestattet sind und auch Gelder mit Video-Shootings lukrieren. Außerdem haben sich viele Top-Athleten nicht nur mit der FIS, sondern auch mit Alternativ-Veranstaltern arrangiert.

FIS hier, TTR da

Stefan Gimpl (27), dreifacher Sieger des "Air & Style" sowie Big-Air-Weltcup-Gesamtsieger, bestreitet FIS-Bewerbe und offene Konkurrenzen. Auch ÖSV-Teamkollege Florian Mausser (24), beim Big-Air-Saisonauftakt in Stockholm Vierter, fährt zweigleisig, gibt sich FIS-Events sowie die weltweit etablierte "Ticket To Ride"-Tour (TTR) und die kleine, feine "Ästhetiker"-Tour. TTR nimmt sich speziell auch der Boarderinnen an, am Wochenende fand in Kaprun das Roxy Chicken Jam Europe statt, ein reiner Frauenevent.

Insgesamt ist der Hype um das Wintersportgerät abgeklungen, vom Markt verdrängen lassen sich die Snowboards aber nicht, wie Hannes Lindinger von Boards & More bestätigt. "Weil mit der Sportart ein Lifestyle einhergeht", sagt der Österreich-Chef des führenden europäischen Anbieters. 55.000 Snowboards wurden vergangene Saison in Österreich verkauft, die Zahl sollte in den nächsten drei Jahren zu halten sein. Auch Sigi Grabner, der selbst Boards entwickelt und vertreibt ("SG Snowboard"), fürchtet nicht, dass neue Trends wie Free-Ski dem Snowboarden den Rang ablaufen können. "Snowboarden ist nicht mehr die einzige coole Wintersportart. Aber um die Zukunft muss man sich keine Sorgen machen." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 18. Dezember 2006, David Krutzler)