"Es war die Hölle", erinnert sich Evert Choque. Der stämmige Gewerkschafter zeigt auf die Reste einer Hüttensiedlung, die am 5. Oktober durch Explosionen zerstört wurde. Bei den Kämpfen zwischen Bergleuten in der bolivianischen Zinnstadt Huanuni starben 16 Menschen, mehr als 60 wurden verletzt. Für den indigenen Präsidenten Evo Morales war es der Tiefpunkt seiner nun einjährigen Amtszeit.

Bewaffnet mit Dynamitstangen wollten 4000 genossenschaftlich organisierte Kumpel die lukrativsten Schichten der Mine im Sturm nehmen. Doch die 800 Arbeiter des Staatsbetriebs Minera Huanuni wehrten sich.

"Auf beiden Seiten gab es Scharfschützen", berichtet Manuel Condori, dessen Auto während der Kämpfe um das "Teufelsmetall" ausbrannte. Wenig später dekretierte der Staatschef die Verstaatlichung der Mine und erklärte Huanuni zum „Modell“ für den gesamten Bergbausektor.

Auf 4000 Metern Höhe und 280 Kilometer südlich von der Hauptstadt La Paz gelegen, ist Huanuni Boliviens Zinnhochburg. "Heute leben hier fast 40.000 Menschen, doppelt so viele wie vor fünf Jahren", sagt Evert Choque. Seit die Nachfrage aus China und Indien den Weltmarktpreis wieder nach oben schnellen ließ, strömen Tausende in der Hoffnung auf schnellen Reichtum in die Minen. Immer näher rücken die wellblechgedeckten Adobehäuser an den kahlen Posokoni-Berg heran, wo die reichhaltigsten Zinnvorräte der Welt lagern.

Zunächst gehörten sie zum Imperium des „Zinnkönigs“ Simón Patiño. 1952, nach der Minen-Verstaatlichung, übernahm der Staatsbetrieb Comibol. Auf dem Hauptplatz erinnert ein Denkmal des legendären Arbeiterführers Juan Lechín an die goldenen 50er-Jahre. Doch im Zuge der neoliberalen Wende ab 1985 wurde Comibol fast zerschlagen. Seither beuteten „Kooperativisten“ die obersten Stollen des Posokoni mit einfachsten Mitteln aus. Darunter trat die staatliche Minera Huanuni 2002 das Erbe einer Privatfirma an, die unter indischer Regie pleitegegangen war.

Kleidung bleibt aus

In den vergangenen Wochen sind die ehemaligen Genossenschaftler in den Staatsbetrieb überführt worden. Als Hauptverantwortliche des Massakers hätten sie sich dem hastig verkündeten Regierungsplan beugen müssen, meint Choque, „aus politischen und sozialen Gründen war das der einzig mögliche Ausweg“. Bis jetzt haben die meisten von ihnen noch nicht einmal ihre Arbeitskleidung bekommen.

Immer wieder reist Bergbauminister Guillermo Dalence an, um Frieden zu stiften. "Wir haben 25 Millionen Dollar, das gesamte Kapital von Comibol, um Huanuni zur Speerspitze des Bergbausektors zu machen", sagt der graubärtige Mann. Alles Weitere müsse eingehend geprüft werden – auch die vom Staatschef angekündigte Nationalisierung der Zinnschmelze in Oruro, die dem Schweizer Multi Glencore gehört.

In Huanuni, wo Evo Morales, der Globalisierungskritiker, am Donnerstag die "neue" Staatsfirma symbolisch eröffnet, bleiben die Menschen skeptisch. Die Regierung, die sich im Vorfeld des Massakers auf die Seite der Kooperativisten geschlagen hatte, muss das Vertrauen ihrer früheren Basis erst noch zurückgewinnen. Wie lange der Zinn-Boom anhält, ist ungewiss. „Zwei Jahre ist unser Job sicher“, sagt Evert Choque. „Dann sehen wir weiter. (Gerhard Dilger aus Huanuni, DER STANDARD, Print, 21.12.2006)