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Beim Stopfen wird die Gans vor der Schlachtung mittels eines Rohrs "zwangsernährt".

Foto: Reuters/Regis Duvignau
In Österreichs größtem Delikatessenladen, Meinl am Graben in der Wiener Innenstadt, wird dieser Tage mehr Gänsestopfleber verkauft, als sonst in vier Monaten. "Vor den Feiertagen gehen gut 30 Prozent des Jahresumsatzes weg", erklärt Geschäftsführer Udo Kaubek. Über die politische Ausrichtung der Käufer der teuren Delikatesse weiß er freilich wenig. Nachdem der Geschäftsführer der Wiener ÖVP, Norbert Walter, ein Importverbot für Gänsestopfleber forderte (der Standard berichtete), könnte der Absatz noch steigen – nach dem Motto "Jetzt genießen, was bald illegal sein könnte".

Zunehmende Bedeutung

Walter hat mit seinem Vorstoß ein Thema aufs Tapet gebracht, das zusehens an Relevanz gewinnt. Erst Anfang November hat etwa die SP-Abgeordnete Elisabeth Hlavaè eine parlamentarische Anfrage eingebracht, in der ein Importverbot für Gänsestopfleber gefordert wird. Hlavaè wie Walter wollen das Verbot, weil die Praxis des Stopfens die Tiere unzumutbaren Qualen aussetze. Außerdem stellten die Lebern gestopfter Gänse krankhaft veränderte Organe dar, die eigentlich nicht in den Verkauf kommen dürften.

Fett in der Leber

Die EU hat in einem Report schon 1998 festgestellt, dass Stopfen zu Verletzungen führen kann und das Anschwellen der Leber bis zum Zehnfachen der ursprünglichen Größe eine krankhafte Veränderung darstellt. Gleichzeitig aber wird darauf hingewiesen, dass Gänse als Zugvögel die Eigenschaft besitzen, große Mengen an Fett in der Leber zu speichern. Auch würden sich selbst "schwer deformierte" Lebern von Stopfgänsen bei Aussetzen der Mast – anders als bei Menschen mit Leberzirrhose – wieder zurückbilden. Gleichzeitig weist der Report darauf hin, dass die Sterblichkeit in konventionellen Hühner- und Truthahnfarmen deutlich über jener in Gänse-stopfbetrieben liege.

Insofern erscheint die Forderung nach einem Importstopp bei Gänsestopfleber scheinheilig vom eigentlichen Problem abzulenken – nämlich den skandalösen Bedingungen in tausenden Tierzuchtbetrieben. Diese zu ändern würde freilich bedingen, dass ein Brathendl ganz empfindlich mehr kostet, als die unanständig günstigen € 2,49/Kilo im Supermarkt, an die sich Herr und Frau Österreicher ohne moralische Bedenken gewöhnt haben. (Severin Corti, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2006)