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Derzeit wohnen nicht nur Clochards in den Pariser Zelten der Obdachlosen - eine Solidaritätsaktion.

Foto: EPA
Paris - "Die erste Nacht ging noch, doch gestern war es hart auf dem kalten Boden", meint Fabrice händereibend. Die Nächte hat der 37-jährige Bühnentechniker wie andere Dutzend Quartierbewohner in einer der beiden Zeltreihen verbracht, die sich im 10. Stadtbezirk beidseits des Kanals Saint-Martin über gut hundert Meter hinziehen. "Das Schlimmste ist aber der Lärm", erzählt der junge Mann. "Gestern Abend beschimpfte ein vorbeispazierendes Paar einander so lange und so laut, dass ich nicht mehr einschlafen konnte.

Die 150 Zelte des Camps stehen zwischen zwei Schleusen des malerischen Kanals, an dem schon mancher Maigret-Krimi gedreht wurde. Die Zahl der obdachlosen "Sans Domicile Fixe" (SDF) hält sich die Waage mit der von Anwohnern, grünen Lokalpolitikern und ein paar Prominenten wie dem Schauspieler Jean Rochefort.

Auch Cathy ist dem Aufruf von "Ärzte der Welt" gefolgt, mindestens eine Nacht an der Seite der Clochards zu verbringen. Warum? "Ich möchte dazu beitragen, die allgemeine Gleichgültigkeit zu zerstören, die den Obdachlosen entgegengebracht wird", meint die 38-jährige Lehrerin.

Die Nacht auf der Straße hat ihr die Augen geöffnet. "Das Bild des dauernd betrunkenen Clochards stimmt längst nicht mehr", meint Cathy und blinzelt in die Morgensonne. "Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die meisten Zelte schon leer sind. Sie gehören Leuten, die zur Arbeit gefahren sind!"

Ganz normale Leute

Rund ein Drittel der offiziell 100.000 Obdachlosen Frankreichs geht einer bezahlten Tätigkeit nach. Unter diesen erwerbstätigen SDF gebe es ganz normale Leute, zum Beispiel geschiedene Väter, die plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf haben, oder Zuzügler, die in Paris keine Garantien für den Wohnungsvermieter bereitstellen könnten, erzählt Cathy. Erst vor Kurzem ergab eine Umfrage, dass die Hälfte der Franzosen Angst hat, obdachlos zu werden.

"Man gewöhnt sich an alles", wirft Philippe ein, der sich gerade einen Kaffee eingegossen hat und mit dem Rest des heißen Wassers sein unrasiertes Gesicht abreibt. Der Mann erzählt, wie er zwischendurch für die städtischen Betriebe arbeite. "Die Schallschutzwände an der Ringautobahn, die habe ich montieren geholfen, sagt er stolz. Er findet nichts dabei, dass er gleichzeitig auf der Straße schläft. "Eine Wohnung in Paris, das können sich heute nur noch die Reichen leisten."

Zu teure Mieten

Die Studentin Amélie ist gleicher Meinung: Sie sei in die Vorstadt umgezogen, weil sie für ihre 15-Quadratmeter-Wohnung nicht mehr 450 Euro im Monat zahlen konnte. "Und wie soll das jemand mit 1100 Euro Mindestlohn tun können?", fragt sie eher rhetorisch.

Noch mehr ärgert sie, dass die Behörden die Solidaritätsaktion der besorgter Pariser als billigen Schaueffekt kritisieren; Sozialministerin Catherine Vautrin behauptete diese Woche, es gebe in Paris für Obdachlose genügend Beherbergungszentren; die 450 Betten seien nicht einmal alle belegt. "Warum wohl?", entgegnet Amélie. "Weil diese Zentren außerhalb der Stadt liegen und dort grässliche Zustände herrschen." Die schlotternde Amélie will deshalb weiterhin am Kanal übernachten; selbst wenn die Temperatur weiter unter Null Grad sinkt. "Einige Einwohner von Paris mögen unsere Zelte nicht, weil sie das Straßenbild stören."

Aktion weitet sich aus

Die Zelt-Aktion weitet sich aus und hat bereits einige Nachahmer in französischen Provinzstädten gefunden. Beinahe alle Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2007 müssen dazu Stellung nehmen. Innenminister Nicolas Sarkozy plädiert für ein "Recht auf Wohnen" und verspricht, dass er in zwei Jahren mit den Obdachlosen aufräumen wolle. Die Sozialistin Ségolène Royal will ein "Einkommen aktiver Solidarität" für verarmte Erwerbstätige einführen, damit sie in ihren Wohnungen bleiben können.

Ähnliches hatten die Kandidaten vor den Wahlen 2002 gesagt. "In den fünf Jahren seither hat sich nichts verändert", schimpft Amélie. "Besser gesagt in den fünf Wintern. Ich habe von den SDF gelernt, dass sie nicht in Jahren rechnen, sondern in Wintern. Seit der eisigen Nacht gestern weiss ich, warum." (Stefan Brändle, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Dezember 2006)