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Netto beziffern die Studienautoren den EU-Vorteil für die österreichische Landwirtschaft mit 250 bis 500 Millionen Euro.

Foto: APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Wien - Milchbauern in Bergregionen, Biobetriebe, Rindfleischproduzenten sowie die heimische Lebensmittelindustrie haben durch den EU-Beitritt Österreichs vor elf Jahren profitiert, Ackerbauern wären dagegen mit einem Nicht-Beitritt besser drangewesen. Unter dem Strich hat der Beitritt dem österreichischen Agrarsektor den Verlust von 250 bis 500 Millionen Euro erspart, geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Boku-Agrarökonomen Markus Hofreither sowie des Wifo-Experten Franz Sinabell hervor. Die Realeinkommen der Landwirte wären ohne EU um bis zu elf Prozent gesunken.

Die beiden Autoren haben anhand mehrerer Modellrechnungen nachvollzogen, wie sich der heimische Agrarsektor ohne europäische Integration entwickelt hätte. Sie gelangen dabei zu mehreren überraschenden Ergebnissen: So hat sich entgegen ursprünglichen Befürchtungen die Abwanderung aus der Landwirtschaft verlangsamt; die Realeinkommen der Bauern wuchsen im vergangenen Jahrzehnt zwar nicht, gingen aber auch nicht dramatisch zurück. Und die nachgelagerte Lebensmittelindustrie ist auch nicht unter die Räder der EU-Konkurrenz gekommen.

Sorgenkinder

Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie hatten vor dem EU-Beitritt als größte "Sorgenkinder" der österreichischen Wirtschaft gegolten. Umgekehrt haben aber die Konsumenten weniger vom EU-Beitritt profitiert als davor in Aussicht gestellt: "Nahrungsmittel und Getränke wurden zwar kurzfristig um 2,5 Prozent billiger (Oktober 1994 - März 1995). Dieser Wert lag aber deutlich unter den rechnerisch erwarteten Preissenkungen", heißt es in der Studie.

Die beiden Autoren haben freilich nicht einfach den Status quo vor 1995 mit der heutigen Lage verglichen, sondern auch die 1999 abgeschlossene Uruguay-Runde in Rechnung und ihre Auswirkungen auf die hypothetische Nicht-Beitrittsituation ausgerechnet. Die Ergebnisse zeigen, dass zur Einhaltung der GATT-Verpflichtungen eine erhebliche Senkung der Agrarpreise notwendig gewesen wäre", die Einkommensverluste hätten nur durch mehr Förderungen auf nationaler Ebene ausgeglichen werden können. "Ob eine solche Ausweitung des Agrarhaushaltes möglich gewesen wäre, bleibt eine offene Frage, weil ohne EU-Beitritt das gesamtwirtschaftliche Wachstum schwächer und damit auch der Budgetspielraum enger gewesen wäre."

Agrareinkommen unverändert

Im Nichtbeitrittsfall hätte nur ein Teil der Förderungen aufrechterhalten werden können, so wäre die Bergbauernförderung heute um 43 Prozent niedriger, glauben Hofreither und Sinabell. Auch die Umweltprämien wären aktuell niedriger. Trotz aller tief greifenden Änderungen seien Produktion und Agrareinkommen bis heute faktisch unverändert geblieben, die Abfederungsmaßnahmen der Agrarpolitik hätten also gegriffen, heißt es in der vom Landwirtschaftsministerium initiierten Analyse.

Netto beziffern Hofreither und Sinabell den EU-Vorteil für die österreichische Landwirtschaft - je nach Szenario - mit 250 bis 500 Mio. Euro. Die Auswirkungen wären aber durchaus unterschiedlich gewesen - die tierische Produktion hätte sich ohne EU schlechter, die pflanzliche besser entwickelt.

"In Summe ergibt sich für die Landwirte im Nicht-Beitrittsszenario - je nach Modell und Szenario - trotz Beibehaltung des Förderniveaus von 1994 ein um 4 bis 11 Prozent niedrigeres Einkommen gegenüber dem Szenario mit EU-Beitritt", heißt es in dem Papier. Das bedeutet freilich nicht, dass die Realeinkommen der Landwirte gestiegen wären: Die realen Faktoreinkommen pro Arbeitskraft lagen 2004 bei 99,5 Prozent des Niveaus von 1990. (APA)