Bild nicht mehr verfügbar.

Die französische Obdachloseninitiative "Die Kinder von Don Quichotte" haben am Kanal Saint-Martin in Paris ihre Zelte aufgestellt, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Die Politiker kommen auf Wahlkampfbesuch.

REUTERS/Charles Platiau

Vor einem Monat waren "die Kinder von Don Quichotte" in Frankreich noch völlig unbekannt – jetzt diktieren sie den Kandidaten den Wahlkampf. Die Vereinigung, die französische Obdachlose vertritt, erregte vor Weihnachten zuerst in Paris Aufsehen, als ihre Mitglieder in Zeltcamps neben Clochards übernachteten. Über die Festtage weitete sich die Aktion in die Provinz aus; sogar an den Stränden der Côte d'Azur errichteten "les enfants de Don Quichotte" ihre violetten Zelte.

Die geschickt inszenierte Medienkampagne löste eine ganze Lawine an Reaktionen aus. Bekannte Schauspieler, Sportler und andere Prominente, aber auch Politiker aller Parteien und Präsidentschaftskandidaten wie Ségolène Royal pilgerten an den Pariser Kanal Saint-Martin, an dessen Ufern sich zwei lange Zeltreihen hinziehen.

Recht auf Wohnung

Die Regierung konnte da nicht tatenlos zuschauen. Premier Dominique de Villepin kündigte am Mittwoch an, er werde in zwei Wochen ein Gesetz mit einem "einklagbaren Recht auf Wohnung" präsentieren. Nun sollen, wie Villepin sagte, "Obdachlose, arme Arbeiter und allein erziehende Frauen" spätestens ab Ende 2008 in ihrer Gemeinde vor Gericht einen konkreten Anspruch anmelden und damit eine einigermaßen korrekte Bleibe erwirken können.

Auf der Rechten wie Linken überwiegt allerdings die Skepsis. Der sozialistische Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, meinte wie auch die Vizepräsidentin der liberalen UDF, Marielle de Sarnez, dass die Regierung statt solcher Rechtsmittel besser Sozialwohnungen zur Verfügung stellen sollte. Ségolène Royal schlägt in die gleiche Kerbe: Bei einem Neujahrsempfang bezichtigte sie die Regierung gestern purer Wahlkampf-Rhetorik und kündigte für den Fall ihrer Wahl den Bau von 120.000 Sozialwohnungen an. Dass ein kleiner Sponti-Verein ganz Frankreich ein Wahlkampfthema aufzwingt, kann nur auf den ersten Blick erstaunen.

Die knapp 5000 Clochards von Paris, ja selbst die 86.000 Obdachlosen Frankreichs bilden nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Laut Expertenschätzungen leben in Frankreich viele hunderttausend Menschen in absolut unwürdigen Verhältnissen – sei es in Bruchbuden oder Campingplätzen, in Autos oder Armenhotels, Notschlafstellen oder unter Eisenbahnbrücken; dazu kommt eine noch größere Zahl von Leuten in übervölkerten oder völlig verlotterten Wohnungen.

Angst vor Le Pen

Wie üblich scheinen die französischen Politiker diese unhaltbaren Zustände erst vor Wahlen zu entdecken – und keineswegs freiwillig. Bei den Vertretern der etablierten Parteien spielt nämlich auch die Angst vor dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen mit. Die Strategen der Sozialisten und der Regierungspartei UMP versuchen seit ein paar Wochen bewusst, auch das Heer der Arbeitslosen und der Working Poor (schätzungsweise etwa drei Millionen) und der Arbeiter und Kleinangestellten anzusprechen; denn sie stellen etwa ein Drittel aller Wähler und sind besonders anfällig für die rechtsextreme Demagogie des Front National. Sarkozy hielt im verarmten Nordfrankreich unlängst eine flammende Rede an die Adresse "der Franzosen, die leiden", und Royal spricht neuerdings bewusst Schlechtverdienende und andere Zukurzgekommene an. Die Frage ist nur, ob diese all den politischen Versprechen noch Glauben schenken werden. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.1.2006)