Der neue Programmdirektor des ORF, Wolfgang Lorenz, will Qualitätsprogramm machen und ist bereit, fallweise auch Quotenverluste in Kauf zu nehmen. "Ich glaube, dass wir um die 40 Prozent Marktanteil aufgestellt sein müssen, aber es hat noch niemand gesagt, dass ein paar Prozent darunter ein Weltuntergang wären", sagte er im Interview mit der APA. Lorenz will mit der Programmreform die Marke ORF "branden" und "Sinn stiften", indem er etwa gesellschaftliche Probleme aufgreift. Zu diesem Zweck seien derzeit drei neue Serien in Arbeit. Eine davon ist die "Kebab-Saga" (Arbeitstitel), die "Imigration und Integration" thematisiert. Zukunftschancen sieht Lorenz auch für "Starmania" nicht so für "Dancing Stars". Einen Relaunch werde es bei den "Seitenblicken" geben.

"Wir wollen Sinn stiften"

"Wir wollen keine reine Unterhaltungsmaschinerie sein. Wir wollen Sinn stiften und die Gesellschaft optional anleiten", gibt Lorenz die Devise vor. Oberste Aufgabe der Programmreform sei es, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu entsprechen und sich so von anderen Sendern zu unterscheiden. Für Lorenz gilt dabei: Qualität vor Quote. "Nicht alles, was ein Quotenmisserfolg ist, ist auch ein programmlicher", so Lorenz. Allerdings dürfe man auch die Quote nicht gänzlich aus den Augen verlieren - schon allein auf Grund der Abhängigkeit von der Werbewirtschaft.

"Qualität und Mehrwert" sollen sich auch in den Unterhaltungsformaten widerspiegeln: Die neue Daily-Soap mit dem Arbeitstitel "Mitten im Achten" soll zum Beispiel "die österreichische Gesellschaft abbilden und nicht eine Scheinwelt jenseits des Atlantiks". "Wenn die Leute sich nicht am nächsten Tag darüber unterhalten, was sie da gesehen haben, dann haben wir etwas falsch gemacht." Mit der Tatsache, dass es sich bei der Idee zur Soap um einen Zukauf aus Holland (Endemol) handelt, hat der Programmdirektor kein Problem. "Das sollte man nicht überschätzen. Auf dem Bildschirm wird ein rein österreichisches Format landen", schließlich würden schon jetzt österreichische Autoren eingesetzt. Und produziert werde die Soap ohnehin komplett in Österreich, in der Breitenfurter Straße in Wien, und komplett mit heimischen Schauspielern besetzt.

"Kebab-Saga" über Migration und Integration

Darüber hinaus seien drei weitere Serien in Arbeit, eine davon unter dem vorläufigen Titel "Kebab-Saga". Darin sollen die Themen Migration und Integration aufgegriffen werden, wobei "man aufpassen muss, dass nicht Missverständnisse vergrößert werden, sondern gelebte Normalität vorgestellt wird".

Das geplante Szenemagazin soll sich vor allem "mit dem beschäftigen, was die Jugend für ihre Kultur hält. Bisher hatten wir keine Augen dafür - das soll sich ändern". Wichtig ist Lorenz dabei der Blick über die Grenzen Wiens hinaus. "Es ist eine Krux des ORF, dass er programmatisch zu zentralistisch aufgestellt ist. Wir brauchen ein Mittel gegen die Wiener Inzucht. Das gilt auch für die 'Seitenblicke'". Auch dieses ein wenig angestaubte Promi-Magazin des ORF soll neu aufgestellt werden.

"Starmania" die Vierte?

Eine Zukunft sieht Lorenz für Showformate wie "Starmania". Mit einer vierten Staffel "sollte man etwas zuwarten", aber im Grunde spräche nichts dagegen. "Starmania" sei ein wertvolles Format, weil man damit der nächsten Generation die Chance gebe, sich zu produzieren. Lorenz geht sogar noch weiter: Künftig will der ORF nicht nur die Gewinner der Casting-Show groß raus bringen, "sondern auch die Talente konsequent fördern, die nicht als Sieger zum Zug kommen" und zwar unter Mitwirkung der ORF-Radios.

Anders verhält es sich mit "Dancing Stars", für das der Programmdirektor das Aus voraussagt. "Jetzt kommt noch die sehr gut besetzte dritte Staffel und ich glaub, das war's dann." Grund dafür: Nachwuchssorgen. Schließlich sei es bei dem "kleinen Markt" schwierig, "Leute zu finden, die bereit sind, drei Monate ihres Lebens ausschließlich der Erhebung des Beins zu widmen. Das ist ja nicht nur ein rosiges Schicksal."

"Club Zweieinhalb"

Darüber, wie es um die Zukunft des von Lorenz selbst scherzhaft "Club Zweieinhalb" getauften Talk-Formats bestellt ist, hielt sich der Programmdirektor bedeckt. Denn "die Entscheidung darüber, ob die Zuständigkeit für den Club in den Bereich Lorenz (Programm) oder Oberhauser (Information) fällt, ist ja noch nicht getroffen. Das wird sich noch ein Wöchlein hinziehen." Abhängen wird die Entscheidung von den jeweiligen Sendungskonzepten. Daran, dass Lorenz den neuen "Club Zwei" gerne in seiner Verantwortung hätte, lässt er keinen Zweifel, fügt aber hinzu: "Das ist ja kein Krieg sondern ein gemeinsamer Ehrgeiz."

Für 10. April, wenn die Programmreform erstmals auf den Bildschirmen sichtbar werden soll, plant Lorenz, "so viel wie möglich Neues zu zeigen", allerdings nicht nach dem Motto: "Alles neu macht der April." In einer derart rasanten Medienwelt habe es keinen Sinn, eine Programmreform für fünf Jahre festzusetzen. Es müssten, wie von Wrabetz angekündigt, weitere Wellen der Programmneuerung - im Herbst und im Jahr 2008 - folgen. "Die Programmreform ist schließlich ein 'work in progress'". (APA)