Den österreichischen Sozialdemokraten zum Trost: Alfred Gusenbauer ist nicht der Einzige, der seinen persönlichen und politischen Kredit durch Selbstüberschätzung gerade in Windeseile zu verspielen droht. Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef, steht ihm nicht nach.

Das Unfassbare an der bayerischen Tragödie zeigt sich jedoch beim Blick auf jene Leistungsbilanz, die Stoiber im Gegensatz zu Gusenbauer vorlegen kann. Das Wirtschaftswachstum im Freistaat ist hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig. Ähnlich positiv ist das Bild bei den Umfragewerten:_Die CSU liegt immer noch bei 54 Prozent, seit 45 Jahren regiert sie in Bayern allein. Das sind Zustände, von der jede andere Partei – sei es in Österreich oder Deutschland – nur träumen kann.

Und dennoch: Die meisten Bayern und auch viele in der CSU haben Stoiber einfach satt. Sie nehmen ihm seine Selbstherrlichkeit übel, seinen autoritären Stil, die Flucht aus Berlin nach der Bundestagswahl bei gleichzeitiger Nörgelei am Kurs der Bundesregierung, seine Sparmaßnahmen in Bayern. Nie und nimmer hätte die Fürther Landrätin Gabriele Pauli mit ihrer Kritik an Stoiber ein solches Beben in der CSU auslösen können, wenn die Partei überzeugt hinter ihrem Chef stünde. Dann wäre Pauli flugs als Querulantin abgetan worden, und nach zwei Tagen hätte es geheißen: zurück zur Tagesordnung.

Aber jetzt, wo das Fass geöffnet ist, will der klebrige Brei des Unmuts gar nicht mehr zu fließen aufhören. Und mittendrin steckt Stoiber und macht einen Fehler nach dem anderen. Wenig Hilfe bietet die CSU-Spitze. Sie ist unfähig, den Aufruhr an der Basis zu beenden. Aus Sorge um die eigene Karriere wagt es aber auch keiner der CSU-Oberen, eine Revolte gegen Stoiber vom Zaun zu brechen. Noch nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2007)